Vengeance (2009)

Kritik

Das Gangster-Genre liegt mir nicht nur sehr am Herzen, es ist auch eines, das in den letzten Jahren ein wenig missachtet wurde. Seit Quentin Tarantinos Frühphase um RESERVOIR DOGS und PULP FICTION sowie Michael Manns HEAT konnte kaum ein Film den Kanon sinnvoll erweitern. Vielleicht muss man sich bei aller berechtigten Hoffnung auf Innovationen aber auch teils auf eher klassische Gangstergeschichten besinnen, die das Rad gar nicht neu erfinden wollen, die Genre-Zutaten aber gekonnt vermengen können.

Ein solcher Beitrag ist Johnnie Tos VENGEANCE. Der Regisseur ist bekannt für Action im typischen  Hongkong-Stil voller Bleigewitter, Triaden und Zeitlupen. Er selbst zeichnet sich beispielsweise verantwortlich für EXILED und die ELECTION-Reihe. VENGEANCE führt Johnnie To ein weiteres Mal in sein Stamm-Metier, allerdings stellt der Film seine erste internationale Koproduktion dar. Daraus resultiert ein Thriller, der sich bei diversen großen Vorbildern bedient und doch Eigenständigkeit und handwerkliche Klasse beweist.

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Die Tochter des alternden Francis Costello (Johnny Hallyday) überlebt dabei schwer verletzt einen Auftragsmord, verliert aber ihren Mann und ihre Kinder. Von ihrem Vater fordert sie ein: Räche mich! Der Franzose engagiert im ihm fremden China drei Killer, die ihm beim Auffinden der Verantwortlichen unterstützen sollen. Die Männer freunden sich langsam an, doch Costello verheimlicht den anderen einen Teil seiner Person.

VENGEANCE glänzt zuerst einmal durch unfassbare Coolness. Die Feuergefechte sind eiskalt inszeniert, die Bilder edel und die vier ungleichen Gangster wirken zunächst hart und abgebrüht. Gerade zu Beginn ist jede Szene so stilsicher inszeniert, dass jede pausierte Einstellung ein kleines Kunstwerk darstellt. Hier ist alles durchdacht und kein Wort zu viel: Die Geschichte kann zum Großteil nur über die Bilder erzählt werden. Dies zieht Genrefans sofort in seinen Bann, zumal der Film es trotz einiger fast absurd cooler Einfälle schafft, nie ins Lächerliche abzudriften. Als die Männer auf einer Müllhalde Waffen testen, schießen sie zum Beispiel auf ein altes Fahrrad, das sich durch die Einschläge fortbewegt und durch platzierte Schüsse im Gleichgewicht gehalten wird. Dies ist beileibe kein Einzelfall in Sachen außergewöhnliche Ideen, doch auch Zitate finden sich reichlich.

Der französische Killer im Ruhestand erinnert nicht nur wegen des Hutes an Melvilles Klassiker DER EISKALTE ENGEL, die Fremdartigkeit Costellos in asiatischen Metropolen an LOST IN TRANSLATION. Dies wird unterstrichen durch die Sprachen des Films: Englisch, Französisch und Kantonesisch wechseln sich ab. Johnnie To bedient sich neben den bereits genannten Vertretern bei John Woos Zeitlupen, bei Michael Manns Hochglanzoptik und bei Hitchcocks Suspense: An einem Punkt des Films stehen sich nahe eines Waldes Jäger und Gejagte gegenüber, ein Shootout ist unausweichlich. Doch die Familien einer Fraktion sind anwesend, sodass man zu deren Schutz beschließt zu warten und sich nichts anmerken zu lassen. Erst lange später verschwinden Frauen und Kinder, sodass das erwartete Unheil seinen Lauf nehmen kann, während die Blätter langsam zu Boden fallen. Die konstant angezogene Spannungsschraube entlädt sich nicht nur hier in einmaligen und erinnerungswürdigen Schießereien.

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Wie eingangs erwähnt gibt es eine Facette, die Costello seinen Mitstreitern über sich verheimlicht, und die die zweite Hälfte des Films deutlich verändert. Während Rache zunächst neben dem Zusammenhalt und dem Ehrenkodex der Halbwelt das beherrschende Thema ist, verscheibt sich der Fokus nach der Lüftung des Geheimnisses deutlich und verleiht Hauptfigur und Film Tiefe. Das Tempo nimmt etwas ab, Melancholie erhält Einzug, die allerdings weiterhin von Actionszenen unterbrochen wird. Im Gegensatz zu einigen anderen Rachefilmen kann man der altbekannten Thematik eine neue Seite abgewinnen, auch wenn die Thematik nicht voll ausgeschöpft wird und die zweite Hälfte von VENGEANCE letztlich leicht abfällt.

Alles in allem kann ich dennoch eine klare Empfehlung aussprechen: Johnnie To erfindet mit VENGEANCE ganz sicher das Rad nicht neu, aber er erzählt seine Gangster-Geschichte auf so stilsichere Art und Weise, wie es nur ganz wenige andere Genre-Regisseure in den letzten Jahren geschafft haben. Für Thriller-Fans und Freunde asiatischer Rache-Filme ist VENGEANCE ein absolutes Muss!

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Trailer:

2 Gedanken zu „Vengeance (2009)

  1. Johnny To ist eh toll. „Vengeance“ habe ich irgendwann mal durch Zufall nachts auf ZDF gesehen und war so begeistert, dass ich die DVD gleich gekauft habe. Ein großartiger Rache-Film, der erfrischend anders ist… Johnny Hallyday ist einfach nur überragend gut!

    • Irgendwie können die Asiaten Rache am Besten. Da wirkt Selbstjustiz nie so fehl am Platz wie im Westen. Johnny To mag ich auch grundsätzlich, wobei VENGEANCE dennoch heraussticht.

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