Berlinale 2014

CineCouch Artikel I Jan

Ich gehörte dieses Jahr zu den Glücklichen meiner Studienfachrichtung, der eine der 20 begehrten Berlinale-Studenten-Akkreditierungen erhalten hat. Somit war es natürlich nur eine Frage der Zeit, bis ich mich aus der Vorfreude in große Planungen und letztlich wieder einmal nach längerer Zeit in die Bundeshauptstadt gewagt habe. Und bei dem Wust an Filmen (nach letzter Zählung 37) lohnt es sich doch noch mal retrospektiv zu berichten.

Der Wettbewerb – konkurrenzlos

Als zwar kein Filmfestival-Greenhorn, aber doch Berlinale-Debütant, war ich mir zuerst nicht ganz sicher, welcher der vielen Sektionen ich mich verstärkt zuwenden sollte. Letztlich wurde es dann der Wettbewerb, der immerhin auch mit den größten Namen auf sich aufmerksam machen konnte. 23 Filme (davon drei außer Konkurrenz) buhlten um die begehrten Bären, dass mir der große Preisträger BAI RI YAN HUO zwar nicht als herausstechend, wenngleich visuell bombastisch, im Gedächtnis blieb – geschenkt. Denn insgesamt war ich mit den Filmen sehr zufrieden. Neben dem Totalausfall LA BELLE ET LA BÊTE von Christophe Gans mit der immerhin noch entzückenden Léa Seydoux, dem inhaltsleeren HISTORIA DEL MIEDO und dem enttäuschenden Schwulen-Drama PRAIA DO FUTURO waren die übrigen Filme zumindest “gut”. Allerdings war ich mit meiner Naivität, lauter Meisterwerke auf dem wichtigsten deutschen Filmfest zu sehen, doch etwas fehl am Platze.

Jedenfalls eröffnete Wes Anderson mit seinem neuesten Streich THE GRAND BUDAPEST HOTEL das Festival gebührend mit einem tragik-komischen Film in seinem ganz besonderen Autorenstil, den man entweder mag oder verabscheut. Das nächste große Highlight ließ bis zum ersten Sonntag auf sich warten: NYMPH()MANIAC – der nächste Skandalfilm von Lars von Trier? Mitnichten. Die im Vorfeld so populär angekündigten Sexszenen sind vollkommen im Hintergrund. Stattdessen enttabuisiert der Regisseur einfach Sex und Erotik – auf großartige, aber leider nicht meisterhafte Art und Weise. Allerdings – es ist ja nur der erste Teil des eigentlichen Films. Das Zweigespann könnte das nächste Großwerk des Dänen werden.

Mein großer Favorit war allerdings mit riesigem Abstand Richard Linklaters bisher wohl einmaliges Film-Experiment BOYHOOD. Schon in der BEFORE-Trilogie hat Linklater über Jahre hinweg mit den zwei gleichen Hauptdarstellern gedreht. Doch diesmal scharte er über zwölf Jahre hinweg immer wieder den gleichen Cast um sich. Und so entwirft der Meister der Dialoge nicht nur einen außergewöhnlichen Coming-of-Age-Film, sondern auch gleich den Zeitgeistfilm schlechthin der 2000er Jahre. Am Ende ging immerhin der Regie-Bär an Linklater.

Linklater

Eine Dokumentation der Dokus

Wirklich überraschend waren für mich allerdings die Dokumentationen der 64. Ausgabe der Berliner Filmfestspiele. Ich würde mich wahrlich nicht als Doku-Fan bezeichnen, aber diese Berlinale dürfte meine Sehgewohnheiten wohl nachhaltig verändert haben. Oft eher zufällig geriet ich in die Geschichten, die der Realität entspringen. Dabei sind nicht alle Vertreter filmisch großartig umgesetzt, aber doch von ihrer Thematik her einfach sehenswert. FLOWERS OF FREEDOM, ein deutscher Beitrag im Forum, zeigt zehn kirgisische Frauen, die es sogar schaffen, die korrupten Systeme der Politik zu durchbrechen und wurde frenetisch vom Publikum mit Applaus gewürdigt.

Ebenfalls aus Deutschland stammt die Doku VULVA 3.0 – die sich mit der künstlerischen, gesellschaftlichen und medizinischen Darstellung des weiblichen Geschlechts auseinandersetzt. Wider aller Befürchtungen ist der Film weder prätentiös, noch feministischer Spruchblasen-Wettbewerb. Die Doku ist wunderbar geordnet, zeigt ein extrem breites Bild verschiedenster Sichtweisen und kann dennoch nur an der Oberfläche der Thematik kratzen – und ist hoffentlich nur der Anfang dieser wahrlich aufklärenden Dokumentation.

NON-FICTION DIARY aus Korea zeigt mir bisher vollkommen unbekannte Ereignisse aus den 90ern aus Südkorea, als eine äußerst brutal agierende Gangsterbande gefangen wird und sich mit den Folgen des Kapitalismus auseinandergesetzt wird. Letztlich ist es ein soziologisch und politikphilosophisch extrem wichtiger Film.

Auch wenn ich den Doku-Preisträger im Panorama-Segment nicht sehen konnte, so ist doch die Nick Cave-Doku 20.000 DAYS ON EARTH mein gar nicht so heimlicher Favorit. Die Macher folgen dem Musiker, Autor und Schauspieler an seinem 20.000 Lebenstag. Dabei spricht der eloquente Star aus dem Off und überzeugt sofort mit seinen fantastischen Texten. Alleine der “Hauptdarsteller” ist schon interessant genug, um den Film sehenswert zu gestalten. Zu einer herausragenden Dokumentation macht ihn aber die Inszenierung, die nicht versteckt, dass es sich auch bei Dokus um gestellte Szenen handelt. Visuell und dank der tollen Musik von Cave selbst ist der Film einfach ein tolles Erlebnis.

Wir zeigen Schwule – und das ist auch gut so!

Eine überraschend große Zahl der gesichteten Filme handelte von homosexuellen Männern – eine Thematik, die zwar immer mehr im Mainstream aufgegriffen wird. Doch meist bleiben diese Ausreißer in Klischees stecken. Ganz anders auf der Berlinale! Hier eine kleine Auswahl. Ira Sachs’ LOVE IS STRANGE zeigt die unerbittliche Liebe zweier alternder Männer zueinander, deren Leben nach ihrer offiziellen Vermählung einen starken Schicksalsschlag verkraften muss. Wunderschön gespielt von John Lithgow und Alfred Molina.

In einer ähnlichen Zeit wie DALLAS BUYERS CLUB angesiedelt ist der amerikanische, zum großen Teil durch Crowd-Funding finanzierte Film TEST, der in San Francisco 1985 spielt. Tolle Tanzchoreographien machen auf der großen Leinwand einiges her. Die dazukommende Angst vor der gerade erst bekannt gewordenen Krankheit AIDS macht das Leben der Protagonisten zu einer omnipräsenten Gefahr. Zwar fehlt es der Handlung an Fahrt und richtig pointierten Tragikspitzen, dennoch lohnt sich das fast schon als Dokument seiner Zeit anmutende Projekt.

Auch koreanische Filmemacher setzen sich mit Homosexualität auseinander. Diese Kino-Nationalität ist zwar hierzulande durch ihre Genre-Beiträge des Rache-Thrillers eher bekannt, YA GAN BI HAENG ist jedoch ein ziemlich ruhig inszeniertes Drama, über die aufkommende Liebe eines Schülers zum Anführer einer kleinen Schul-Gang, die seine Mitschüler tyrannisieren. Die Beziehung zwischen den Protagonisten ist tatsächlich herzergreifend erzählt, vor allem aber nie klischeehaft. Am Ende zeigt sich dann doch die bekannte Rache-Thematik aus Korea im fulminanten Finale.

Kinosaal

Und sonst so?

Leider habe ich es versäumt, mir Podiumsdiskussion anzusehen. Allerdings habe ich auch noch Filme gesehen, die in die oberen von mir gewählten Abschnitte nicht so ganz einzupassen sind: Da wäre zum Beispiel das Bollywood-Road Movie HIGHWAY, von dem ich wirklich überrascht wurde. Anders als die meist von RTL II bekannten Blockbuster des indischen Kinos, ist HIGHWAY kein Kitsch, sondern erzählt eine im Grunde sehr dramatische Geschichte von einer jungen Frau, die entführt wird und erst in der vermeintlichen Gefangenschaft das Gefühl von Freiheit erlebt. Erzählt wird das ganze in tollen Bildern und mit der genau angemessenen Prise Humor.

Zwei weitere Genre-Filme aus dem Wettbewerb sollen nicht unerwähnt bleiben. Die skandinavische Thriller-Komödie mit mehreren Händen voller schwarzer Humor mit Stellan Skarsgård in der Hauptrolle handelt von einem Vater, dessen Sohn von einem Drogenring getötet wird und der nun Rache sucht. Das ganze ist wirklich erschreckend witzig und ein echtes Highlight im ansonsten doch eher dramatisch veranlagten Wettbewerb. Mindestens genauso abgedreht ist der chinesische Spät-Italo-Western WU REN QU. Mehrere Parteien kommen sich auf einer ewig langen Straße durch eine Wüstenlandschaft gegenseitig ins Gehege. Ein nie endender Strudel aus kuriosester Gewalt mit Morricone ähnlicher Musik und vielen ganz gezielt eingesetzten Klischees. Einfach unterhaltsam.

Fazit?

Die Berlinale kam etwas schwer in die Gänge, doch die letzten Tage, die zwar anstrengend waren, rissen das Ruder komplett um. Viele Highlights und nur ganz wenige Enttäuschungen und bittere Erlebnisse zeichneten meinen Berlin-Kino-Marathon aus. Ein weiteres Highlight war sicherlich das Blogger-Treffen, organisiert von Alex Matzkeit, bei dem ich endlich auch mal persönlich mit Internet-Kollegen sprechen konnte. Sollte es die Zeit zulassen, komme ich nächstes Jahr (im Zweifel auch ohne Akkreditierung) zurück zu den goldenen und silbernen Bären.

2 Gedanken zu „Berlinale 2014

    • Ach ja, das stimmt – obwohl ich nicht weiß, ob ich mich dann in meiner besten Verfassung präsentiert hätte 😛
      Aber ich plane derzeit schon einen weiteren Berlin-Besuch, wenn alles klappt, verbringe ich noch mal eine Woche in der Hauptstadt und dann werde ich mich definitiv melden!

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