JSA – Joint Security Area (2000)

Kritik

2013 war das Jahr, in dem Asiens Regie-Wunderkind Park Chan-wook mit STOKER sein Hollywood-Debüt gegeben hat und sein kultisch verehrtes Meisterwerk OLDBOY mit einem US-Remake bedacht wurde. Ob es sich um die Rache-Trilogie handelt oder zuletzt um die beiden neuartigen Variationen von Vampirgeschichten, Park gelingt es in seinen Filmen, Anspruch und Unterhaltung zu verbinden und sowohl Cineasten als auch viele Mainstream-Fans höchst zufrieden zu stellen.
Seinen Durchbruch feierte der Südkoreaner mit dem für ihn aus heutiger Sicht untypischen JSA – JOINT SECURITY AREA, der sich zum finanziell erfolgreichsten Film Südkoreas mauserte und außerhalb der Heimat erstmals auf der Berlinale 2001 gezeigt wurde. Und Berlin wurde nicht zufällig für die Aufführung ausgewählt. Denn gerade Berlin ist weltweit symbolisch mit der Mauer verbunden, die Deutschland von 1961 bis 1989 trennte und ein Volk in zwei Staaten teilte. Das Gefühl, mit den eigenen Landsleuten verfeindet zu sein, könne kaum jemand so sehr nachvollziehen wie das deutsche Volk, so Park. JOINT SECURITY AREA dreht sich um diese Thematik, behandelt allerdings eine Grenze, die uns Europäern weitaus weniger präsent ist.

Denn Südkorea und Nordkorea waren bis zum Koreakrieg in den 19xxer Jahren ebenfalls ein einziger Staat, bis sie sich in den kommunistischen Norden und den kapitalistischen Süden trennten. Seitdem herrscht kalter Krieg, der Waffenstillstand ist immer wieder bedroht. Im Film sind auf beiden Seiten der Grenze Patrouillen des jeweiligen koreanischen Staates stationiert; der schmale Grenzstreifen, die titelgebende JOINT SECURITY AREA, wird von den Vereinigten Nationen durch die Schweiz und Schweden überwacht.

JSA

Die von der Schweiz installierte Halb-Koreanerin Major Sophie E. Jean ist zuständig für die Untersuchung einer Schießerei, bei der ein südkoreanischer Soldat einige Soldaten der Gegenseite getötet haben soll. Bei Zeugenbefragungen stößt sie schnell auf Ungereimtheiten und ein Netz aus Lügen und Schweigen. In Rückblenden werden nach und nach nicht nur die möglicherweise fälschlichen Aussagen, sondern auch die wahren Umstände des Vorfalls aufgedeckt.

Diese Erzählweise ist zwar keine Neuerfindung des Rades, doch in diesem Fall wird sie handwerklich exzellent umgesetzt. Anstatt die Ermittlungen zum reinen McGuffin, zum bloßen Anstoß der Handlung verkommen zu verlassen, inszeniert Park sie als wichtigen Baustein seines Werks. Einerseits symbolisiert Jean als Figur die Zerrissenheit der koreanischen Nation: Ihr Vater war zu Kriegszeiten Offizier, verließ das Land aber nach der Spaltung. Sie selbst wurde in Genf geboren, ist nie zuvor in Korea gewesen und wird von den dort stationierten Soldaten beider Seiten aufgrund ihrer Neutralität argwöhnisch beäugt. Ihre Szenen wiederum spielen häufig in dunklen Räumen, die von Jalousien durchbrochene Beleuchtung versprüht Film Noir-Flair. Immer wieder fallen Kniffe ins Auge wie Zeitsprünge durch fließende Tag/Nacht-Wechsel, die durch Beleuchtungswechsel kreiert werden, und die angesprochenen verfilmten Aussagen, die ungeheuer harmonisch dazwischen geschnitten wurden und sich thematisch in der Ergründung der Wahrheit an Kurosawas RASHOMON anlehnen.

In den Rückblenden zeigen sich die überraschenden Auslöser der Schießerei. Zuviel möchte ich dazu an dieser Stelle nicht verraten, nur so viel: JOINT SECURITY AREA reiht sich in eine Reihe sehr pazifistischer und humanistischer Filme ein und stellt so vielleicht den untypischsten von Park Chan-wooks Filmen dar. In seiner Stimmung erinnerte mich der Film persönlich aufgrund des menschlichen Blicks auf ein politisches Thema an Kubricks PATHS OF GLORY. Die Kameraarbeit ist auch in diesem Haupthandlungsstrang erwähnenswert, exemplarisch sei eine Verbeugung vor Sergio Leone durch Großaufnahmen der Augenpartien einiger Figuren genannt. Die Thriller-artigen Film Noir-Anleihen weichen einem heiteren Ton, sogar für etwas Humor ist Platz, der sich homogen in den Film einfügt und ein Werk abrundet, das durch ausbalancierte Höhen und Tiefen besticht.

Soldaten an der Grenze

Neben den bereits genannten Vertretern werden Erinnerungen an den 2002 mit dem Auslands-Oscar prämierten NO MAN’S LAND über den Bosnienkrieg geweckt. Ein weiterer südkoreanischer Beitrag hingegen ist BROTHERHOOD, der den Koreakrieg selbst behandelt und mit dem Schicksal zweier Brüder verknüpft. Interessanterweise wurde er ebenfalls zum bis dato erfolgreichsten Film des Landes.

JSA – JOINT SECURITY AREA wurde auf der Berlinale zwar nicht prämiert, aber mit viel Lob aufgenommen. Das gebührt Park allein schon aufgrund des Risikos, das er mit der teuren, von einem Verbot gefährdeten Verfilmung einer in Südkorea eigentlich zu brisanten Thematik auf sich nahm. Fakt ist der erreichte Karriereschub Park Chan-wooks. Heute gehört er für mich zu den interessantesten Regisseuren der Welt. Wer das ähnlich sieht, dem sei sein erster großer Erfolg wärmstens ans Herz gelegt, auch oder gerade weil er sich von der altbekannten Rache-Trilogie deutlich unterscheidet, das Weltkino hingegen so oder so definitiv bereichert.

JSA – JOINT SECURITY AREA in der IMDb
JSA – JOINT SECURITY AREA auf Letterboxd

TRAILER:

Mitdiskutieren