The Place Promised in Our Early Days (2004)

CineCouch-Kritik-Paul

Studio Ghibli ist derzeit das Maß aller Dinge, geht es um fernöstliche Animationsfilme. Im Schatten dieses Giganten versuchen sich von Zeit zu Zeit andere Produktionen. Diversen Genrevertretern wie GHOST IN THE SHELL oder AKIRA gelingt es mit Leichtigkeit diesem Schatten zu entfliehen. Viele andere Animes kommen jedoch nicht umhin, sich mit diesem Studio messen zu lassen. Dem Studio, das mit Werken wie CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND und DAS WANDELNDE SCHLOSS wie ein riesiger unerreichbarer Turm seit Anfang des Millenniums über den japanischen Anime-Filmen und somit auch über THE PLACE PROMISED IN OUR EARLY DAYS – oder auch “Kumo no mukô, yakusoku no basho” – von Makoto Shinkai aufragt, welcher mit seinem Erscheinen 2004 in genau diesen Zeitraum fällt.

THE PLACE PROMISED IN OUR EARLY DAYS Turm

Ein ähnlicher Turm übt dort auf den Protagonisten Hiroki Fujisawa eine unerklärliche Anziehungskraft aus. Dieser Turm steht auf der Insel Ezo des in einer alternativen Gegenwart geteilten Japans und scheint zentral für das gesellschaftliche Empfinden, für die technologischen Forschungen und vor allem ist er das zentrale Element der Spannungen zwischen dem von der USA kontrollierten Süden und dem „der Union“ angehörigen Norden.
Getrieben von dieser übernatürlichen Anziehungskraft bauen der Schüler Hiroki und sein bester Freund Takuya an einem Flugzeug, mit dem sie ihren größten Traum, die nördliche Grenze überfliegen zu wollen, um sich den Turm aus der Nähe anzusehen, verwirklichen wollen. Das Mädchen Sayuri, für die Hiroki einige Gefühle hegt, schließt sich den beiden an. Dabei scheint das Mädchen, das von geheimnisvollen Träumen heimgesucht wird, etwas Mysteriöses mit dem Turm zu verbinden. Die drei geben sich das Versprechen gemeinsam zu diesem Gebilde zu fliegen, sobald das Flugzeug fertig gebaut ist.
Daraufhin verschwindet Sayuri. Das ist das Mädchen. Für all diejenigen, die ebenso wie ich Probleme haben, japanische Namen den Figuren zuzuordnen. An dieser Stelle ist es wahrscheinlich sinnvoll, sich die Namen der drei Protagonisten gemerkt zu haben. Es ist dann doch immer recht anstrengend, nach oben zu scrollen um zu schauen, wer wer war. Also nochmal kurz zur Wiederholung: Hiroki ist der Hauptcharakter, Takuya sein Freund und Sayuri das Mädchen.

Wir springen drei Jahre in die Zukunft in denen sich unsere drei Protagonisten auseinander gelebt haben, ohne jemals das Flugzeug fertig gestellt zu haben. Sayuri ist in einen – mir gehen langsam die Synonyme aus – unerklärlichen Schlaf gefallen, aus dem sie nicht mehr aufzuwecken ist und träumt nun seit ihrem Verschwinden ununterbrochen von absurden Welten und einem Universum, in dem sie alleine herumirrt. Beobachtet wird sie dabei von einer Forschungsstation, bei der der, inzwischen auf die Oberschule gehende und über alle Maßen talentierte, Takuya arbeitet. Im Fokus der Forschung steht der Turm, welcher im Zentrum einer sich ausbreitenden Parallelwelt zu stehen und mit den Träumen von Sayuri verbunden scheint. Unterdessen hat Hiroki all dies hinter sich gelassen und ist nach Tokyo gezogen. Auch er hat diverse Träume in denen er nach Sayuri sucht, sie jedoch nie finden kann. Einsam und deprimiert hat er dort die vergangenen drei Jahre hinter sich gebracht, als ihn plötzlich ein Brief, den Sayuri vor ihrem Einschlafen schrieb, erreicht. Infolgedessen finden die Pfade der drei wieder zusammen.

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Wie man vielleicht schon merken konnte, gestaltet sich die Inhaltsangabe als ein recht schwieriges Unterfangen. Der Grund ist, dass in THE PLACE PROMISED IN OUR EARLY DAYS etliche Elemente miteingearbeitet wurden. Da gibt es zum einen die Liebesgeschichte, welche sich um Sayuri und Hiroki rankt. Hierzu kommt noch der Plot um die Dreiecksbeziehung mit Takuya und der damit verbundene Traum, das Flugzeug zu bauen und zum Turm zu fliegen. Zusätzlich wird direkt zu Beginn des Films eine politische Ebene durch die an den kalten Krieg anmutende Trennung Japans und der damit verbundenen Allianzen in die Handlung eingewoben. Im weiteren Verlauf des Filmes rücken die Visionen der Protagonisten und die darauf rekurrierende Theorie von Parallelwelten immer weiter in den Fokus der Zuschauer. Dies gipfelt in der Einführung der Forschungsstation, welche sich auf eben diese Phänomene spezialisiert zu haben scheint.

All diese Elemente haben ein großes Potenzial und könnten auch in ihrer Kombination Stoff für eine durchdachte und komplexe Geschichte bieten. Sie sind äußerst interessant verwoben und man wird sich den ausführlichen Gedanken, welche sich Makoto Shinkai beim Schreiben der Geschichte machte, stets gewahr. Nach den recht kurzen 91 Minuten hat man jedoch das Gefühl, mehr eine akribische Darlegung von Prämissen, als eine wirkliche Ausführung derselben gesehen zu haben. Es fühlt sich alles äußerst unfertig an.

Seit Beginn des Filmes an beschleicht einen das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Eine wichtige Unterhaltung oder ein relevantes Hintergrundwissen. Dies liegt vor allem an dem dramaturgischen Aufbau, welcher viel mit Ellipsen und Visionen der Protagonisten arbeitet. Sobald die Geschichte langsam ihren Lauf nimmt, wird der Zuschauer lange Zeit im Unklaren über die genauen Geschehnisse gelassen. So wird einem durch diese Inszenierung das Innenleben der Protagonisten, welches oftmals ebenso konfus, ziellos und verloren scheint, näher gebracht. Dies lässt sich vor allem in der zweiten Hälfte des Filmes durchaus durch eine solche Haltung, vor allem von Hiroki, motivieren.

Doch bereits zu Anfang scheinen die einzelnen Sequenzen voneinander losgelöst und bilden keine homogene Exposition. Dies steht im Gegensatz zu den schönen Bildern, dem Plot um den Bau des Flugzeuges und der sich anbahnenden Liebesgeschichte zwischen Hiroki und Sayuri. Zwar werden diese Geschehnisse durch den älteren Haroki, der die Geschichte als Erzähler kommentiert, immer wieder in einen konträren Kontext gesetzt. So sieht man den Wendepunkt der Geschichte sich nähern. Jedoch rechtfertigt dies nicht die zusammengeschusterte Einleitung, die so wirkt, als wolle Shinkai seinen Figuren in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Facetten andichten. Dabei fällt er zudem immer wieder in altbekannte Muster zurück. Beispielsweise wenn Haroki und Sayuri peinlich berührt nebeneinander stehen und keiner weiß, was er dem anderen sagen soll. Dann heben beide gleichzeitig zum Sprechen an und unterbrechen sich so, was eine nur noch peinlichere Stille nach sich zieht.

Nichtsdestotrotz sind die Bilder und die Inszenierung derselben eine Sichtung des Filmes allemal wert. Vor allem die Natur, in der sich die Charaktere bewegen, ist mit viel Liebe zum Detail dargestellt und mehrmals musste ich mich dabei ertappen, wie ich mich an einen solchen Ort gesehnt habe. Und auch die Zugfahrten, welche häufig in Szene gesetzt werden, glänzen wortwörtlich durch ihre wunderschönen Lichtreflektionen und Spiegelungen.
Der übernatürliche Turm, der immer wieder in Einstellungen zu sehen ist und sich dabei unendlich in den Himmel zu erstrecken scheint, wird dabei ebenfalls atmosphärisch äußerst klug inszeniert. Dem Zuschauer bleibt durch die Ferne und Vagheit eine gewisse Distanz zu dem Turm, welches auch sein Verlangen steigert, diesen Turm in seiner Gänze und von Nahem zu erblicken, analog zu Harokis Wunsch. Bis zuletzt wird gewartet, bis der Zuschauer seine Spitze erblickt.
Ein Großteil des Films ist zudem untermalt von ergreifender Geigen- und Pianomusik. Und wenn am Ende eine Japanerin zum Singen anhebt, ist sowieso alles gut.

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Zusammenfassend ist der Film leider nicht viel mehr als Stückwerk und das ist äußerst schade. Die Ideen haben allemal das Zeug für eine deutlich dichtere und homogenere Geschichte, welche nicht so überstürzt und überhastet erzählt scheint wie in diesen knapp 90 Minuten. Eine Anime-Serie mit der gleichen Grundprämisse könnte ich mir sehr gut vorstellen.
Betrachten wir nun noch einmal den übermächtigen Turm Ghibli, welcher in einem anderen Universum eben das perfektioniert hat, was Shinkai in diesem Film so große Probleme bereitet. Um eine dichte und mitreißende Geschichte zu erzählen genügt meistens eine simple, vielmals auch nahezu alltägliche Prämisse, die das Seherlebnis der Werke dieses Studios so einzigartig macht. Ein bisschen mehr Ghibli-Parallelwelt würde THE PLACE PROMISED IN OUR EARLY DAYS gut tun. Ab ins Flugzeug, Shinkai.

THE PLACE PROMISED IN OUR EARLY DAYS in der IMDb
THE PLACE PROMISED IN OUR EARLY DAYS auf Letterboxd

9 Gedanken zu „The Place Promised in Our Early Days (2004)

  1. Ich verstehe nicht, warum sich Shinkai mit Ghibli messen muss. Vor allen Dingen mit seinen anderen Filmen wird deutlich, dass er eine ganz andere Linie verfolgt als Ghibli. Auch wenn der Film zugegebenermaßen zuweilen eine eigenwillige Struktur hat, ist der unkonventionelle Erzählstil einer der Reizpunkte für mich.

    • Insgeheim hab ich ja ein wenig auf solch eine Diskussion gehofft, also vielen Dank für deine Anmerkung 🙂
      An dieser Stelle muss ich zugeben, dass dies mein erster Shinkai-Film war, von daher kann ich zu seinen restlichen Werken kein Urteil abgeben. Da dies sein erster Langspielfilm war, bin ich ohnehin gespannt, wie sich sein Stil über die späteren Werke fortsetzen wird.
      Ich war mir auch lange nicht sicher, ob ich diesen Ghibli-Vergleich mit in die Kritik hineinbringen will, aber da ich in meiner Sehgewohnheit, was japanische Langspielanimes angeht sehr stark von dem Studio geprägt wurde, kam ich kaum umhin.
      Bei dem Vergleich wollte ich letztendlich darauf hinaus, dass Shinkai vielleicht ein zwei Aspekte aus dem Film hätte herausnehmen sollen, um ihn so etwas geschlossener zu halten. Eben das, was Ghibli zur Perfektion betreibt. Gegen eine solche Geschichte habe ich prinzipiell auch nichts und würde sie mir auch gerne in Gänze anschauen, allerdings scheint mir der Rahmen eines Neunzigminüters nicht der richtige zu sein.
      Ich stimme dir vollkommen zu, wenn du sagst, dass dieser Erzählstil einen gewissen Reiz hat. Das ging mir über viele Teile des Filmes ähnlich und hat ja auch zu dem subjektiven Empfinden der Protagonisten gepasst, wie ich oben auch geschrieben habe. Allerdings hätte ich mir gerade zu Beginn eine strukturiertere Exposition gewünscht. Die Inszenierung lief meines Erachtens an dieser Stelle zu kontrapunktisch, was eine Identifikation, welche ja doch intendiert war, für mich immens schwer machte.

  2. Ich gehe davon aus, dass Shinkai es selbst gemerkt hat, immerhin ist 5 Centimeters per Second in 3 Episoden unterteilt, und Garden of Words kommt gerade einmal auf eine Dreiviertelstunde. Die beiden Filme leben auch hauptsächlich vom Visuellen und der Atmosphäre, haben aber eine sehr bodenständige Story und sind von daher nicht auf Exposition angewiesen, wie es TPPIOED ist.

  3. Naja, zumindest mit Children who chase lost voices ist er schon stark in Ghibli-Richtung gegangen. Gluecklicherweise hat er das ja dann wieder aufgegeben, hat mich naemlich nicht sehr ueberzeugt.

    • Inwieweit ist er denn in Ghibli-Richtung gegangen? Ich würde auch auf keinen Fall verlangen, dass er seinen Stil dafür aufgibt.
      Soweit ich gelesen habe war er aber auch ein großer Fan von Hayao Miyazaki, was für einen solchen Schritt auch sprechen könnte. Meine Watchlist wird derzeit auf jeden Fall nicht kleiner.

  4. Hab ihn nun auch gesichtet. Grandioser Look! Shinkai braucht sich echt nicht vor Ghibli verstecken! 🙂

    Wer übrigens die Lence Flares zählt, bekommt ein Eis von mir spendiert.

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