Fruitvale Station (2013)

Kritik

Während sich die Blicke der Weltöffentlichkeit kürzlich gen Cannes richteten, um den aktuellen Wettbewerb zu beobachten, schaffte es hierzulande einer der letztjährigen Preisträger gerade erst ins Kino. Die Rede ist vom in der Reihe Un Certain Regard prämierten FRUITVALE STATION, der außerdem in Sundance den Publikums- sowie Jury-Preis erringen konnte. Das Regie-Debüt von Ryan Coogler ist kraftvoll, geht an die Nieren, trifft bisweilen aber auch fragwürdige Entscheidungen.

Der auf wahren Begebenheiten basierende Film beginnt mit einem realen Handyvideo, das dem Zuschauer bereits das Ende der Geschehnisse vorwegnimmt. Diese kreisen um Silvester und Neujahr 2012, um den letzten Tag im Leben des jungen Afroamerikaners Oscar. Der 22-Jährige ist Vater einer jungen Tochter, um die er sich liebevoll mit seiner Freundin Sophina kümmert. Gleichzeitig hat er einige Probleme: Die junge Familie hat wenig Geld und zu allem Überfluss wurde Oscar der Job gekündigt. In der Beziehung kriselt es, weil  Oscar seine Freundin kürzlich betrogen hat. Außerdem dealt er mit Marihuana, wofür er vor nicht allzu langer Zeit im Gefängnis einsaß. Oscar will sich zwar ändern, für seine Tochter Verantwortung übernehmen und erwachsen werden. Doch dabei kommen ihm nicht nur die generellen Umstände in den Weg, sondern am Ende des Tages auch ein schicksalhaftes Ereignis in der Fruitvale Station.

FRUITVALE
© DCM

Im weiteren Verlauf wird immer wieder darauf verwiesen. Die Kamera hält lange an abfahrenden Zügen fest und die Konsequenzen des drohenden Unheil werden in diversen Dialogen verdeutlicht. Die Spannung fördert das nicht unbedingt, verdeutlicht aber die Tatsache, dass Oscar mitten im Leben steht, noch viele Pläne besitzt und trotz aller Probleme hoffnungsvoll in die Zukunft blickt. Er selbst ahnt im Gegensatz zum Zuschauer nichts vom bevorstehenden Schicksal.

Dargestellt wird Oscar von Michael B. Jordan, der eine Glanzleistung abliefert. Fraglos nimmt man ihm den jungen Mann ab, der trotz aller Fehler aufrichtig an sich arbeitet, seinen Familienmitgliedern und Mitmenschen hilfsbereit zur Seite steht. Seiner Präsenz ist es zu verdanken, dass das Porträt nie zu rührselig wird. Zudem trifft die Figur Oscar einige Entscheidungen, die zwar oftmals guten Willen beweisen, jedoch auch seine Unreife untermauern. Sein Entschluss, mit dem Dealen aufzuhören, mag lobenswert sein und demonstriert auch ein gewisses Verantwortungsbewusstsein ob der zu vermutenden Konsequenzen bei einer möglichen Verhaftung. Doch anstatt zumindest seinen Besitz wie geplant zu verkaufen, vernichtet Oscar ihn Minuten vor dem geplanten Deal. Der junge Mann ist in vielen Aspekten noch ein Kind, handelt impulsiv statt überlegt. Es ist FRUITVALE STATION hoch anzurechnen, dass es ihm gelingt, an nur einem Handlungstag ein so vielschichtiges Psychogramm seiner Hauptfigur abzuliefern.

Gleichzeitig führt diese Tatsache zu einer entscheidenden Frage: Wie viel Wahrheit steckt in FRUITVALE STATION? Die Fakten mögen korrekt sein und die Gespräche durch Zeugen abgesegnet, doch es ist zumindest überraschend, wie zielgenau der Film seine Hauptfigur ins Verderben führen kann und gleichzeitig auf Realismus setzt. Der äußert sich weiterhin in der Inszenierung, die auf wenig Schnitte und den verwackelten Einsatz von Schulterkameras setzt, und eine Nähe zu Dokumentationen und Reality-TV sucht.
Mindestens eine Szene wurde folgerichtig von US-Kritikern für ihren manipulativen Charakter gerügt. Und auch wenn Regisseur Ryan Coogler seine Intention glaubhaft erklären kann, bleibt ein fader Beigeschmack.

FRUITVALE
© DCM

Zudem ist das Filmende ein zweischneidiges Schwert. Es geht unter die Haut, weckt Emotionen und ist technisch makellos. Doch die subjektive Sicht des Films, der zunächst fast ausschließlich Oscar folgt, wird eben gebrochen. Der enge Fokus auf Oscars Einzelschicksal und die Fassungslosigkeit, die dies hervorruft, wird abgelöst von einer weiter gefassten Perspektive. Sie ist einerseits emotionalisierend, beinhaltet andererseits Fakten und reales Material, klammert die Suche nach Antworten und Erklärungen für die Geschehnisse jedoch völlig aus. Womöglich hätte eine konsequente Erzählweise, die sich entweder vollständig der Charakterstudie verschreibt, oder das Ereignis an der Fruitvale Station von vornherein aus unterschiedlichen Blickwinkeln zeigt und Oscar als Menschen in den Hintergrund rückt, für weniger Irritationen gesorgt.

Doch bei aller berechtigter Kritik ist FRUITVALE STATION ein beeindruckendes Debüt. Coogler besitzt einen weitgehend konsequenten und zum Material passenden Stil, zudem kitzelt er aus seinem gesamten Cast überzeugende Darbietungen heraus. Besonders Michael B. Jordan dürfte ein Name sein, den man sich merken sollte, doch auch Octavia Spencer fügt ihrer Vita ein weiteres Highlight hinzu. Auch wenn FRUITVALE STATION nicht fehlerfrei ist, so lässt sich festhalten, dass die meisten seiner wenigen Makel im Grunde erst im Nachhinein auffallen. Während der Sichtung entfacht der teils an LA HAINE erinnernde Film  irgendwo zwischen Realität und Fiktion eine Wirkung, der man sich nur schwer entziehen kann.

2 Gedanken zu „Fruitvale Station (2013)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.