Jan auf dem Filmfest München (II)

CineCouch Artikel I Jan

Ein weiteres freudiges Hallo! aus München,

mittlerweile ist der vierte Festivaltag angebrochen – und der hat es in sich. Nicht weniger als sechs Filme stehen heute auf dem Plan. Kleines Highlight heute wird Gia Coppolas PALO ALTO. Für einen anderen Höhepunkt hat heute schon etwas anderes gesorgt: Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt und ich habe eine der begehrten Karten für UNDER THE SKIN am Donnerstag ergattert – wuhu!

Tag 2 – ein kleiner Nachtrag

Ich bin noch meine kurze Meinung zu SONYEO (“Steel Cold Winter”) schuldig geblieben. Der südkoreanische Film von Choi Jin-sung hat sich als filmisch äußerst interessanter Genre-Beitrag erwiesen. Wie der Regisseur selbst im Q&A sagte, war er besonders von den vielen doppeldeutigen Elementen in seinem Film fasziniert und baute sie genau deshalb auch ein. Diese Faszination konnte er voll auf mich übertragen, der Film überzeugt nicht zuletzt durch seine universelle und wichtige Grundhaltung und Basis der Handlung: das Bild, das andere von einem haben und in Gerüchten äußern, kann weitreichende Folgen haben.

Tag 3 – WM? Wer mag…

Am Tag des deutschen Achtelfinalspiels habe ich mich überraschend erfolgreich vom Fußballtrubel ferngehalten. Dafür gab es endlich auch deutsche Beiträge für meine Augen. Und zwar gleich zu Beginn. SCHÖNEFELD BOULEVARD rückt eine Außenseiterin in den Fokus, die nicht, wie in typischen US-Mainstream High-School-Filmen dennoch vollen Glamour ausstrahlt. Cindy Two (der Name Cindy One ist ihrer populäreren Klassenkameradin vorbehalten) lebt im Schatten des neuen Flughafen-Baugebiets BER. Zukunftspläne? Fehlanzeige. Abitur? Eine Qual. Doch über Umwege lernt sie internationale Besucher in Berlin kennen und geht einen süffisant-ehrlichen Coming-of-Age Weg. Toll erzählt und mit Witz verpackt.

Das israelische Drama THAT LOVELY GIRL, das von einer dysfunktionalen Vater-Tochter-Beziehung erzählt, wurde leider die erste kleine Katastrophe des Filmfests. Ein Drama sollte mich emotional in seinen Bann ziehen und vor allem eine interessante Hauptfigur bieten. Doch der Film lässt in all seiner Kälte mich vor allem Eines: kalt.

Der deutsche Filmdreh im Film WORST CASE SCENARIO wandelt ein wenig auf den Spuren von Aaron Lehmanns KOHLHAAS ODER DIE VERHÄLTNISMÄSSIGKEIT DER MITTEL. Nur soll hier während der EM in Polen auf einem Campingplatz eine vollkommen hirnlose Komödie gedreht werden, in der in letzter Minute erst Produktion, später Crew und Darsteller aussteigen. Was hier fehlt, ist die Vision des Hauptdarstellers, eine echte Bindung zu dem Projekt, das einfach nicht entstehen will. Diese Ebene fehlt leider völlig, genug Humor ist dafür verpackt.

Und dann dieses WM-Spiel. Während die Republik sich vor Leinwänden und Fernsehern versammelt, gehe ich ins Kino. Das kanadische Regiewunderkind Xavier Dolan lädt ein und überrascht mich völlig mit TOM À LA FERME. Natürlich spielt Dolan auch die Hauptrolle, was ich im Vorfeld als Melodram erwartet hatte, entpuppt sich als hervorragend inszenierter Thriller.

Ach ja, und die Nachspielzeit und Deutschlands Weiterkommen sehe ich im Anschluss dann doch auch.

Tag 4 – Marathon

Der vierte Tag hat es dann voll in sich. Sechs Filme am Stück warten. Zwei Pressevorstellungen bieten Kontrastprogramm. LÜGEN ist ein sauber inszenierter, tragik-komischer Episodenfilm unter anderem mit der wundervollen Alina Levshin in einer Nebenrolle. Ganz anders entwickelt sich der meiner Meinung nach langweilig und uninspiriert inszenierte DAS ZIMMERMÄDCHEN LYNN, dessen Protagonistin unter den Betten von Hotelgästen deren privatesten Momente erlebt.

Leicht enttäuscht bin ich danach von Gia Coppolas Debütfilm PALO ALTO nach Geschichten von James Franco. Der Independent-Coming-of-Age Film zeigt Party- und Drogenexzesse. Die Enkeling von Francis Ford und Nichte von Sofia inszeniert ihren Film ohne großen Schnitzer, aber mit noch weniger Experimenten. Am Ende bleibt ein gut besetztes, nicht immer ganz ernstes Drama stehen.

Ein echtes Debakel ist dann der zweite koreanische Film in meinem Programm. OUR SUNHI wird in langen Einstellungen, nahezu ohne Kamerabewegung in immer wiederkehrenden Sets und Situationen erzählt. Ab und zu reißen mich Lacher aus dem Publikum aus den vielen Sekundenschläfen. Immerhin tanke ich in dieser Vorstellung etwas Energie für die kommenden Abendsichtungen.

Am Abend werden mit zum ersten Mal richtig die Augen geöffnet – und zwar von einem deutschen Debütfilm. NACHTHELLE versetzt seine vier Protagonisten in eine Ménage-à-quatre und in ein nahezu verlassenes Dorf in Ostdeutschland. Der Film baut auf einer interessanten und angenehm verwirrenden Grundidee auf, die er spannend und vor allem sehr atmosphärisch verpackt.

Zum Abschluss noch die Doku über den exzentrischen Kunstliebhaber und Schauspieler Udo Kier. In ARTEHOLIC reist er durch europäische Museen, trifft befreundete Künstler und erzählt von Liebe und Sucht zu den vielen Kunstwerken. Wahrhaftig ein Trip mit Udo Kier – und das ganz ohne (herkömmliche) Drogen.

Damit ist die Halbzeit vom Filmfest München auch schriftlich abgeschlossen. Etwas im Verzug bin ich zwar mit meinen kurzen Eindrücken, aber damit dürft ihr euch auf eine Fortsetzung des Berichts freuen.

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