Into the Storm (2014)

CineCouch Kritik Jan

Menschen haben einen seltsamen, und wenn man so darüber nachdenkt, widerwärtigen Genuss an Verderben, die sich so in der Welt abspielen. Man liebt das Drama. Katastrophen, Worst-Case-Szenarien und Super-GAUs fordern uns heraus. In diesen Situationen werden Helden geboren und nach Helden lechzt das Kino-Publikum seit geraumer Zeit. Ob INTO THE STORM wie ein Wirbelwind durch die Kinos Deutschlands wehen wird, bleibt jedoch abzuwarten.

Im amerikanischen Ort Silverton ereignet sich am Tage der High-School-Absolventenfeier ein Naturspektakel, das seinesgleichen sucht. Eine Gruppe von Wissenschaftlern und Dokumentarfilmern, eine zerrüttete Familie und ein Duo von Youtube-Selbstdarstellern geraten in einen zerstörerischen Sturm, der eine Schneise der Verwüstung in der Stadt hinterlassen wird – und die angespannten Beziehungen auf eine harte Probe stellt.

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© Warner Bros. Pictures

Eine Kleinstadt als Setting für eine Zerstörungsorgie, eine wild zusammengewürfelte Gruppe von Haupt- und Nebenfiguren und eine Naturmacht, die über dem Menschen steht: Die Zutaten für einen reinrassigen Katastrophenfilm à la Roland Emmerich sind bereitet. Für den notwendigen Kick, wird das Ganze durch einen Found-Footage-Stil gewürzt. Fertig ist die Hauptspeise INTO THE STORM. Schnallen Sie sich an, machen Sie sich darauf gefasst, dieses Gericht ist nichts für zarte Gemüter. Schwindelanfälle können nicht ausgeschlossen werden. Denn hier geht es im Kinosessel richtig rund.

INTO THE STORM (im deutschen Verleih unter dem Titel “Storm Hunters” unterwegs) brilliert mit einem Leinwandbombast, der einem vergleichbaren Weltuntergangsszenario unseres Deutschland-Exports Emmerich in nichts nachsteht. Fans des 90er Streifens TWISTER werden sich bei den zahlreichen Tornados so richtig heimisch fühlen. Die zerstörerische Wucht dieser Stürme wird niemals versteckt. Hier werden ganze Häuser in die Lüfte gezogen und in ihren Einzelteilen umhergewirbelt. Unbemannte Flugzeuge geraten in die Windhosen und führen einen seltsamen Tanz an. Das ganze wird nur noch durch den bombastischen orchestralen Soundtrack und die vielen dröhnenden und klirrenden Soundeffekte überboten.

Von der technischen Seite aus betrachtet, ist INTO THE STORM über jeden Zweifel erhaben. Doch ist dem ein oder anderen vielleicht aufgefallen, dass bisher zwar schon Figuren erwähnt wurden, dies aber nur am Rande geschah. Der Grund liegt auf der Hand: Wirklich jegliche Rolle ist vollkommen austauschbar. Nichts, was das Drehbuch von INTO THE STORM zu bieten hat, wirkt auch nur in irgendeiner Facette originell, von erfrischend ist erst gar nicht zu reden. Alle Handlungsschemata hat man schon mehrfach gesehen: angefangen vom “Experten-Team” mit dem manisch passionierten Anführer, über die Wissenschaftlerin, die ihren Daten vertraut, bis hin zur zerrütteten Beziehung zwischen einem alleinerziehenden Vater und seinen zwei Teenagern. Einen Preis für Erfindungsreichtum gewinnen die Drehbuchautoren jedenfalls nicht.

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© Warner Bros. Pictures

Und so gehen die Darsteller Richard “Thorin” Armitage, Matt Walsh, Sarah Wayne Callis und Max Decon vollkommen im – Achtung: Wortwitz – Effektgewitter unter. Nicht nur Keller werden unter Wasser gesetzt und Gebäude stürzen ein, auch Charaktereigenschaften werden hier vollkommen über den Haufen geworfen. Die Figuren sind reine Schablonen, Stereotypen in reinster Form, bei denen sich aber keine Mühe nach innerer Kohärenz gemacht wurde. Wenn etwa einer der Kameramänner vor (berechtigter) Angst seinen Job aufgeben möchte, kurz darauf aber furchtlos einen brennenden Tornado filmt und für seine Dummheit den Preis zahlen muss, kann man als Zuschauer nicht anders, als kopfschüttelnd auf die nächste Ungereimtheit zu warten.

Trotz seiner anderthalb Stunden Laufzeit hat INTO THE STORM leider noch ein weiteres großes Problem neben der fehlenden Bindung zu seinen Figuren und der vollkommenen Abstinenz jeglicher Sympathieträger. Die Wahl des Found-Footage-Stils weist einmal mehr die Schwächen dieser Art zu filmen auf: Jegliche Einstellungen sollen durch in der Diegese verhaftete Kameralinsen aufgenommen werden (dafür werden auch gerne bekannte Kamerahersteller prominent ins Bild gerückt). Diese eigens aufgestellte Regel wird ziemlich schnell aufgebrochen, Kameraperspektiven, die unerklärlich bleiben, werden eingebaut. Und selbst Material findet Verwendung, das nie und nimmer nach dem gesamten Chaos hätte gefunden werden können.

INTO THE STORM ist lediglich solchen Kinogängern zu empfehlen, die sich ganz und gar einem Bombast an CGI-Effekten aussetzen wollen und sich daran ergötzen können. Trotz der handwerklich hervorragenden Effekte sind Wirbelstürme auf Dauer doch sehr monoton und ihre Auswirkungen werden nicht spannender, nur weil immer mehr Tornados im Bild auftauchen. So ist INTO THE STORM höchstens nebenbei im Fernsehprogramm einigermaßen berechtigt aufgehoben. Viel Wirbel um nichts.

INTO THE STORM in der IMDb
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