Adventskalender 2014

CineCouch

Einen frohen Advent euch allen!
Im letzten Jahr haben wir euch im Adventskalender 24 filmische Geheimtipps präsentiert, die mehr Aufmerksamkeit verdienen. In diesem Jahr gehen wir die Sache globaler an: Alle  fünf von uns haben sich ein Land ausgesucht, dessen Filme wir bis Weihnachten vorstellen möchten. Von Klassikern bis verkannten Meisterwerken und spaßigem Trash ist alles erlaubt, was dem jeweiligen Land entsprungen ist. Viel Spaß und eine schöne Weihnachtszeit!

     

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 01.12. – Niels empfiehlt:

FLAMMEN OG CITRONEN (IMDb/Letterboxd)
(dt. „Tage des Zorns“, DK/div. 2008, Regie: Ole Christian Madsen)

Ich habe die Ehre, den diesjährigen CineCouch-Adventskalender zu eröffnen und habe mir mit Dänemark dafür ein Land ausgesucht, zu dem ich eine besondere regionale Verbundenheit besitze. Wie einige vielleicht wissen, stamme ich aus der Grenzstadt Flensburg, die durch die Jahrhunderte immer mal wieder dänisch war und dementsprechend kulturell geprägt ist. Im Jahr 2008 durfte ich dort die Deutschland-Premiere von FLAMMEN OG CITRONEN erleben, in Anwesenheit von Regisseur und Hauptdarstellern – darunter etwa Mads Mikkelsen. Der Film erzählt die Geschichte der zweier dänischer Widerstandskämper während des 2. Weltkrieges und ist gerade aufgrund der Darsteller und der Kameraarbeit zu empfehlen, auch wenn er dem Thema außer einiger Kreuzungen mit dem Gangsterfilm-Genre nicht unbedingt neue Facetten abgewinnt.
Für mich zählt bei FLAMMEN OG CITRONEN insbesondere das Erlebnis an meine erste Filmpremiere, die mich nicht nur den Werdegang von Mads Mikkelsen intensiv verfolgen ließ, sondern außerdem mein bereits zuvor gewecktes Interesse für das dänische Kino weiter stärkte. Darum möchte ich im Laufe des Advents einige exemplarische Werke dieses großen Filmlandes vorstellen, um die Bedeutungen Dänemarks für das Weltkino angemessen zu würdigen. Denn – soviel vorweg – in der Filmgeschichte spielte Dänemark eine nicht unwesentliche Rolle, dazu aber später mehr!

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02.12. Michi empfiehlt: 

LABYRINTH (IMDb/Letterboxd)
(dt. “Die Reise ins Labyrinth”, USA/UK 1986, R: Jim Henson)

Unschwer zu erkennen, stelle ich amerikanische Filme vor. Dabei habe ich mich besonders auf die Filme konzentriert, die mir einerseits immer im Gedächtnis bleiben werden, weil ich etwas Besonderes mit ihnen verbinde. Andererseits beinhaltet jede meiner Empfehlungen eine hervorzuhebende Nebenrolle.
In LABYRINTH ist das natürlich der unvergessliche Goblin König, genial gespielt von David Bowie. Es gibt wohl niemanden, der mich in meiner Kindheit gleichermaßen so sehr fasziniert und auch erschreckt hat. Seine gesamte Erscheinung mit Kostüm, Perücke, Schminke und Bowies eigener dramatischer Ausstrahlung, ist für mich das große Highlight im Film. Dabei gibt es in LABYRINTH noch so viel mehr zu entdecken! Sobald Sarah (die noch ganz junge Jennifer Connelly) in die Fantasiewelt eintaucht um ihren kleinen Bruder zu retten, trifft sie auf viele wunderbar schaurige Figuren und Monster, die ihre Reise erschweren. Hinzu kommen natürlich die Fallen und Tücken des namensgebenden Labyrinths selbst und man ist heilfroh, wenn Sarah endlich wohlbehütet wieder zu Hause ist.
Zugegeben, ich habe den Film viele Jahre nicht gesehen, aber mir schwirren noch so viele fantastische Bilder im Kopf umher, dass ich immer noch so begeistert von ihm bin, dass ich ihn euch als mein Türchen für euch präsentieren wollte. LABYRINTH ist trashig, gruselig, witzig und ja, es wird auch ein bisschen gesungen, also bitte, schaut ihn doch zu Weihnachten mit eurer Familie, wie wär’s?


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03.12. Jan empfiehlt: 

AM HIMMEL DER TAG (IMDb/Letterboxd)
(D 2012, Regie: Pola Beck)

In den vergangenen Tagen und Wochen wurde es um mich ja wieder etwas stiller. Wer es nicht mitbekommen hat, schäme sich! sei hiermit erinnert: Ich habe das wunderbare FILMZ – Festival des deutschen Kinos in diesem Jahr geleitet und war dementsprechend eingespannt. Thematisch passend dazu, habe ich mir als Filmland mal einfach unsere Heimat ausgesucht – Deutschland. Genauer will ich euch in der Adventszeit fünf ausgezeichnete deutsche Filme aus den letzten Jahren vorstellen. Den Anfang macht AM HIMMEL DER TAG.
Lara, überragend gut gespielt von Aylin Tezel, ist Mitte 20, studiert Architektur in Berlin, will aber eigentlich lieber was anderes machen. Generell weiß sie nur nicht, was das genau sein soll. Vielleicht Fotografie? Doch dann wird sie nach einer wilden Partynacht und einem Fick auf dem Disco-Klo schwanger. Lara, selbst noch mehr Kind als Erwachsene, entschließt sich, das Kind zu bekommen und findet endlich einen Sinn ihres jungen Lebens.
Von der Stimmung und Atmosphäre könnte der Film von Regisseurin Pola Beck so etwas wie der deutsche JUNO sein – aber das trifft wirklich nicht zu. Denn bald wird der Film zu einem fast unerträglich emotional packenden und zerrüttenden Drama, das mich enorm mitgenommen hat. Die Generation Y wird hier mal wieder portraitiert, aber in einem Maße, dass dank Aylin Tezel wirklich sehens- und bewundernswert verpackt ist.


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04.12. – Paul empfiehlt:

SHURAYUKIHIME (IMDb/Letterboxd)
(dt. „Lady Snowblood“, JP 1973, Regie: Toshiya Fujita)

Passend zur Winterzeit möchte ich euch ins verschneite Japan begleiten, denn wir wollen heute einen wahren Klassiker hinter dem Adventskalendertürchen hervorlocken. Für LADY SNOWBLOOD reisen wir nämlich in den Dezember 1973. In diesem Jahr erscheint die – wie sollte es auch anders sein – Mangaadaption in den japanischen Lichtspielhäusern. Während die Zuschauer von der äußeren Kälte in die warmen Kinosäle getrieben werden, wird Yuki Kashima vor allem von einer inneren Kälte angetrieben. Doch springen wir vorerst einige Jahre in der Narration zurück. Der Mann und der Sohn einer Frau werden von einer Menschengruppe umgebracht, während die Frau Opfer einer Vergewaltigung wird. Als diese sich daraufhin an einem ihrer Vergewaltiger rächt, wird sie zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Getrieben von ihrem Verlangen nach Rache zeugt sie mit einem Gefängniswärter ein Kind, auf das dieses ihre Rache vollenden möge. So zieht besagtes Kind namens Yuki viele Jahre später nun also als Lady Snowblood durch das schneebedeckte Japan und sucht von ihrer Mutter instrumentalisiert nach den Tätern. Diese Rachethematik, welche ein gern bemühtes Charakteristikum des asiatischen Filmes ist, zeichnet sich hier im besonderen Maße durch seine Ambivalenz aus. So verschwimmen gegen Ende immer mehr die Grenzen zwischen Täter und Opfer, ohne dabei jedoch zu sehr eine Moral predigen zu wollen. Gepaart mit wunderschönen Schnee-Sequenzen und bezaubernden Einstellungen schuf Fujita Toshiya einen ganz großen Meilenstein des japanischen Kinos, welcher nicht nur Quentin Tarantinos maßgebliche Inspirationsquelle für KILL BILL war und immer eine Sichtung wert ist.


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05.12. – Daniel empfiehlt:

MIENTRAS DUERMES (IMDb/Letterboxd)
(dt.: „Sleep Tight”, ES 2011, Regie: Jaume Balagueró)

Feliz Navidad ertönt es natürlich auch bald in südlicheren Gefilden Europas, deshalb möchte ich zusammen mit euch in den nächsten Wochen ein Licht auf die wundervoll vielfältige Filmlandschaft aus Spanien werfen. Zum Start hätte ich mir dabei wahrlich Besinnlicheres aussuchen können als Jaume Balaguerós Thriller-Perle SLEEP TIGHT, doch Qualität hat nun mal Vorrang.
César verdingt sich seinen Lebensunterhalt als Concierge in einem Mehrparteienhaus mitten in Barcelona. Immer wieder hilft er dabei den Bewohnern bei kleineren Angelegenheiten und hat für jeden ein vordergründiges Lachen parat. Doch hinter der Fassade verbirgt sich ein Abgrund voller Leid und Obessionen. Der einzige Lebensinhalt, der ihn daran hindert, sich nicht selbst das Leben zu nehmen und der ihn ein klein wenig glücklich stimmen kann, ist das Leid mit seinen Mitmenschen zu teilen. Ein Hoch auf die Kompetenzen eines Concierges, ein Hoch auf den Universalschlüssel. Ebenjenen benutzt er, um den Bewohnern das Leben unerkannt so schwer wie möglich zu gestalten. Doch dann tritt Clara, gespielt von der bezaubernden Marta Etura, in sein Leben, die mit ihrer lebensfrohen Natur eine wahre Herausforderung darstellt. Was noch seicht zu beginnen scheint, entwickelt sich bald zu einer Home Invasion, die dem Zuschauer das Blut in den Adern gefrieren lässt. Und dennoch ertappt man sich immer wieder dabei, César gespannt bei seinem Unterfangen die Daumen zu drücken, gar Angst um ihn zu entwickeln. Balagueró spielt die Zuschauerhaltung gekonnt gegen das eigene Publikum aus und schuf damit einen modernen Thriller, der einen nach den Credits einfach nur fassungslos zurücklässt.


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06.12. – Niels empfiehlt:

AFGRUNDEN (IMDb/Letterboxd)
(dt. „Abgründe“, DK 1910, Regie: Urban Gad)

Dänemark ist ein verdammt kleines Land und gerät deshalb sehr oft in Vergessenheit. Dabei galt es einst als Mittelpunkt des Weltkinos: In der Stummfilmzeit prägten etwa Regisseure wie Benjamin Christensen und Carl Theodor Dreyer die Filmlandschaft. Außerdem entstammte unserem skandinavischen Nachbarland mit Asta Nielsen der wohl erste Filmstar überhaupt. Im Melodram AFGRUNDEN spielt sie eine Klavierlehrerin, die zwischen zwei Männern steht. Die Folge sind Rivalitäten, reichlich Unglück für alle Beteiligten und der im Video sichtbare erotische Tanz, der in die Filmgeschichte eingehen sollte. Asta Nielsen lässt in dieser Schlüsselszene geradezu zügellos ihre Hüften kreisen – was in Anbetracht der damaligen prüden Darstellung von Sexualität im Film für ordentlich Aufmerksamkeit sorgte. Die ganze Welt wollte nun Asta Nielsen sehen. Produktionen wurden mit dem Versprechen finanziert, sie zu besetzen. Was heute selbstverständlich erscheint, bedeutete einen Wandel: Nicht die Inhalte der Filme zogen die Menschen mehr allein in die Lichtspielhäuser, sondern Stars, denen ein Image anhaftete.
AFGRUNDEN war darüber hinaus ein künstlerischer Erfolg, der in der Folge für einen Boom an dänischen erotischen Melodramen sorgte – viele Jahre später war Dänemark übrigens das erste Land Europas, das 1969 Pornographie legalisierte. Zufall? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Bis zu den nächsten wirklich bedeutenden künstlerischen Impulsen sollte es jedenfalls ebenfalls lange dauern. Aber das erfahrt ihr dann im nächsten Türchen!


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07.12. – Michi empfiehlt:

DRAGONHEART (IMDb/Letterboxd)
(USA 1996, Regie: Rob Cohen)

Meine zweite Filmempfehlung für euch ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Es gibt nichts in DRAGONHEART, das ich nicht mit aller Vehemenz und Herzblut verteidige. Angefangen mit der fantastischen Geschichte einer mittelalterlichen Drachensage, über den großartigen Humor, bis hin zu den bis heute beeindruckenden Special Effekts. Letzteres bezieht sich eindeutig auf die Machart der Drachen, vor allem Draco, den ich hier als besondere Nebenrolle vorstellen möchte. Die Mischung aus aufwendigem CGI und tatsächlichen Puppen-Körperteilen wirkt auch heute noch erstaunlich gut, aber was Draco erst richtig zum Leben erweckt, ist die wunderbare Synchronisation von Sean Connory (in der deutschen Fassung Mario Adorf). Viele Zitate aus dem Film schwirren mir öfters durch den Kopf und immer verleiht ihnen seine Stimme eine besondere Kraft. Insgesamt ist Draco für mich die beste Darstellung eines (sprechenden) Drachen im Film, auch weil er nicht aussieht wie ein niedliches Plüschtier. Zusammen mit überzeugenden Schauspielern wie Dennis Quaid, David Thewlis, Pete Postlethwaite und und und wird aus DRAGONHEART ein herzerweichender Fantsyfilm den ich jedes Jahr aufs Neue schauen möchte und euch nur empfehlen kann. Wenn man sich auf etwas Kitsch und Schmarn einstellt, kann man mit DRAGONHEART, und eben Sean Connory, einen schönen Abend verbringen.


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08.12. Jan empfiehlt: 

LOVE STEAKS (IMDb/Letterboxd)
(D 2013; Regie: Jakob Lass)

Der zweite Film des jungen deutschen Kinos sollte euch eigentlich ein Begriff sein, wenn nicht, dann habt ihr wirklich etwas nachzuholen! LOVE STEAKS von Jakob Lass ist DER deutsche Film des letzten Jahres. Als allererster Beitrag lief er auf den drei wichtigsten deutschen Filmfestivals: in München, auf der Berlinale und beim Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken. Zahlreiche Preise heimste der Film ein – der reinste Wahnsinn für das Abschlussprojekt von Jakob Lass.
Das besondere an dem Film, der dem German Mumblecore zugeordnet wird, ist seine Machart. Lass stellte mit seinen Produzenten Ines Schiller und Golo Schultz das Regelwerk FOGMA auf, nach dem sie LOVE STEAKS realisiert haben: für wenig Geld und mit viel Improvisation. Jakob Lass arbeitet größtenteils ohne Drehbuch. Die Dialoge sind allesamt improvisiert und so sehen wir als Zuschauer das Produkt eines fein arrangierten Zufalls. Köchin Lara und Hilfskraft Clemens treffen sich auf ihrer Arbeit in einem Wellnesshotel. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein: Sie, stets gestresst, nur der Alkohol lässt sie dem Alltag standhalten. Er, auf sein Karma bedacht. Es entwickelt sich eine emotionale, wendungsreiche und erfrischende Liebesgeschichte, die zwischen Tragik und Komik so galant changiert, wie der Film mit seinen vielen Jump-Cuts unkonventioneller nicht daher kommen könnte. LOVE STEAKS berührt, provoziert und macht vor allem ganz viel Spaß. Das deutsche Kino hatte selten mehr Energie als in diesem improvisierten, kleinen Meisterwerk. Einer der besten deutschen Filme der letzten Jahre – ein echtes Muss.


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09.12. – Paul empfiehlt:

DEAD OR ALIVE: HANZAISHA (IMDb/Letterboxd)
(dt. „Dead or Alive“, JP 1999, Regie: Takashi Miike)

Um gleich zu Beginn jegliche Verwirrung zu vermeiden: Nein, es handelt sich bei unserem Dezemberfilm Nummer 9 nicht um die unsägliche Verfilmung des – zwar auch aus Japan stammenden – Beat ’em ups “Dead or Alive”. Das japanische Mastermind und Enfant Terrible in Personalunion Takashi Miike hat unter seiner Kinematographie zwar auch die ein oder andere Videospielverfilmung – unter anderem ACE ATTORNEY – versteckt, mit dem heute vorgestellten Film widmete er sich jedoch dem Subgenre des Yakuza-Filmes. Zu dem Genre des Gangsterfilm gehörend, widmen sich diese Vertreter vor allem den Figuren der in Japan ansässigen kriminellen Organisation. Deren Entstehung ist auf das organisierte Glücksspiel zurückzuführen. Somit wird dieses Symbol in vielerlei Yakuza-Filmen neben dem typischen Verbrechen, Mord und Todschlag, der – an unsere hiesigen Mafiafilme erinnernden – klaren Hierarchie, sowie den Motiven der Ehre und Schuld immer wieder bemüht. Doch genug von dieser kurzen Genretypologisierung. Denn wenn ich oben davon sprach, dass sich Miike dieser Filmgattung widmete, so ist dem geneigten Miike-Kenner bereits klar, dass dieser nicht viel von einer solchen Einordnung hält. Zeichnet er sich doch seit jeher durch seine dekonstruierende Herangehensweise an das Medium aus. Jede Typologie wird stets von Miike feinsäuberlich in seine Einzelteile zerlegt, um in der Folge zu einer Art filmischen Frankenstein zusammengebastelt zu werden, die dann als ICHI THE KILLER oder AUDITION durch die Welt taumeln. Und was soll ich euch sagen. Es lebt! Und wie. So auch DEAD OR ALIVE. Während uns nahezu die gesamte Lauflänge ein solider Yakuza-Mix – gelegentlich durchsetzt mit Miike-typische Morbiditäten – erwartet, so gehören die ersten und die letzten Minuten des Filmes zu dem Coolsten, was die Filmgeschichte zu bieten hat. Anschauen und abfeiern unbedingt empfohlen.

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10.12. – Daniel empfiehlt:

 LA HABITACIÓN DEL NIÑO (IMDb/Letterboxd)
(dt.: „The Baby’s Room”, ES 2006, Regie: Álex de la Iglesia)

Wenn wir über kurzweilige, spanische Machwerke sprechen, deren kreative Ader nur so pulsiert, dann darf Álex de la Iglesia in der Diskussion sicherlich nicht fehlen. Zu Beginn zwar nur Szenenbildner beim Fernsehen wurde er bereits nach seinem ersten mehr als sehenswerten Kurzfilm MIRINDAS ASESINAS von keinem anderen als Pedro Almodóvar (VOLVER, THE SKIN I LIVE IN) entdeckt und bei seinen ersten Schritten im Horrorgenre unterstützt. Wer de la Iglesia kennt, der wird sich jetzt wahrscheinlich wundern, warum hier nicht sein an Wahnwitz nur so überbordender Streifen EL DÍA DE LA BESTIA, sondern der eigentlich nur als Fernsehfilm in der Reihe “Films to keep you awake” konzipierte LA HABITACIÓN DEL NIÑO ins Feld geführt wird. Doch ist es gerade die Kurzweiligkeit von rund 77 Minuten an Fernsehzeit, die ihn zur eigentlichen Horrorperle macht. Keine Minute scheint verschwendet, kein Leerlauf unterbricht das gebannte Sehvergnügen des Zuschauers. THE BABY’S ROOM wirkt wie aus einem Guss.
Juan und Sonia führen das perfekte Leben samt Baby und neu erstandenem Haus. Als Juans Schwester ihm zur Überwachung seines Kinders ein Babyphon mitbringt, hören die beiden des Nächtens jedoch Laute, die sie mehr als beunruhigen. Als Juan Monitore installiert und davon überzeugt ist, dass sich ein Mann im Haus befindet, macht er sich auf die Suche nach den Ursprüngen dieser Schreckensereignisse und gräbt vielleicht sogar etwas zu weit in der Vergangenheit. Die geisterhafte Home Invasion verwendet die gängigen Standardsituationen auf atmosphärische Weise und wartet dabei mit einigen überraschenden Wendungen auf, die man so aus dem Horrorgenre nicht kennt. Unbedingt anschauen!

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11.12. – Niels empfiehlt:

HÆVNEN (IMDb/Letterboxd)
(dt. „In einer besseren Welt“, DK 2010, Regie: Susanne Bier)

Weiter geht es mit meinem kleinen dänischen filmgeschichtlichen Exkurs: Ende der 1980er Jahre schafften es gleich zwei Produktionen hintereinander, den prestigeträchtigen Oscar für den besten fremdsprachigen Film nach Skandinavien zu holen. Einerseits war das “Babettes Fest”, andererseits “Pelle der Eroberer”. Leider habe ich beide Filme noch nicht gesehen, daher möchte ich mit HÆVNEN den 2011 erfolgreichen dritten dänischen Oscar-Gewinner empfehlen.
HÆVNEN thematisiert unseren Umgang mit Aggressoren. Kann man ihnen intellektuell und deeskalierend begegnen? Hilft nur Gewalt mit Gegengewalt zu begegnen? In diesem moralischen Dilemma gibt es kaum eine richtige Position. HÆVNEN erzählt von zwei Jungen, denen die Bezugspersonen fehlen, um sich eine eigene Antwort zu bilden. Trennungskind Elias wird in der Schule gemobbt. Der hinzugezogene Halbwaise Christian verteidigt Elias eines Tages, indem er dessen Angreifer verprügelt und mit einem Messer bedroht. Die beiden unterschiedlichen Jungen freunden sich an. Als Elias’ Vater Anton einen Streit auf dem Spielplatz schlichten möchte, wird er vom Vater eines Kindes geschlagen. Dass er sich dies gefallen lässt, können Elias und Christian nicht verstehen und beschließen, sich selbst zur Wehr zu setzen.
Die folgenden Ereignisse werden in HÆVNEN nüchtern aber spannend erzählt und regen stark zum Nachdenken an. Verantwortlich zeichnen sich Drehbuchautor Anders Thomas Jensen und Dogma-Veteranin Susanne Bier auf dem Regiestuhl – was sich durchaus als Hinweis zu meinen noch verbleibenden zwei Tipps im Adventskalender lesen lässt…

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12.12. – Michi empfiehlt:

BEGINNERS (IMDb/Letterboxd)
(USA 2010, Regie: Mike Mills)

Dass ich eine Vorliebe für diesen Film hege, habt ihr vielleicht schon im Bonus unserer Romanzen-Liste festgestellt. Hier möchte ich euch BEGINNERS nun angemessen präsentieren.
Der zweite Langspielfilm von Mike Mills weist eine beträchtliche Riege an hochklassigen Schauspielern vor, die hier ihr Bestes geben und perfekt miteinander harmonieren. Ewan McGregor spielt den etwas verlorenen und hoffnungslos in die wunderbare, anfangs stumme Melanie Laurent verliebten Sohn vom todkranken Christopher Plumber. Letzterer wagt gerade einen Neuanfang und holt alles nach, was er der Meinung ist vorher im Leben verpasst zu haben. Unter anderem entdeckt er die Liebe neu und bekennt sich zu seiner Homosexualität. Interessant, dass ihm gerade diese Rolle einen Oscar für den besten Nebendarsteller eingebracht hat. Und einen Golden Globe. Und einen BAFTA. Also eigentlich hat Plummer mit dieser Rolle so ziemlich jeden Filmpreis gewonnen, womit ihr vielleicht zu Recht kritisieren könntet, dass ich es mir mit dieser Filmauswahl ziemlich einfach gemacht habe. Aber ich bin mir sicher, dass noch längst nicht jeder BEGINNERS gesehen hat und somit Plummers außerordentliche Leistungen bewundern konnte. Trotzdem ist der Film ein überaus gelungenes Gesamtwerk, dass insgesamt mit schönen Ideen, faszinierenden Charakteren und einer gewissen Leichtigkeit in seiner Melancholie überzuegen kann. Bei mir steht BEGINNERS schon länger im Regal, vielleicht wagt ihr ja auch mal eine Sichtung? Sie ist es definitiv wert!


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13.12. Jan empfiehlt: 

3 ZIMMER/KÜCHE/BAD (IMDb/Letterboxd)
(D 2012, Regie: Dietrich Brüggemann)

So und weiter geht die Reise durch die Filmkultur unseres Heimatlandes: Dietrich Brüggemann, der sich als Regisseur von der Berliner Schule abwendet und so sein eigenes Ding macht, war für mich lange ein schwarzer Fleck – gut, dass ich das so langsam mal ändere!
3 ZIMMER/KÜCHE/BAD reiht sich als Episodenfilm in eine Spielart von Filmen ein, die mich prinzipiell sehr schnell begeistern können. In diesem Fall dreht sich das Geschehen um eine Gruppe von Freunden, die zwischen Schule, Studium und dem ersten Beruf stehen. Eine Art wirres Kaleidoskop auf die heutige Jugend / junge Erwachsene in Berlin. Charmant gespielt von unter anderem Aylin Tezel (ich erwähnte sie ja bereits vor 10 Tagen), Amelie Kiefer, Robert Gwisdek, Jacob Matschenz und Katharina Spiering. Die junge Truppe steht nicht nur vor den üblichen Fragen, wohin mit einem selbst, sondern müssen sich auch noch mit ihren Beziehungen und Familien auseinandersetzen. Dabei ergeben sich in der erzählten Zeit von einem Jahr herrlich abstruse Momente – etwa die Offenbarung zweier Eltern, dass sie seit Jahren im Grunde getrennt leben oder die Entscheidung, mit seiner Freundin Schluss zu machen, in dem ungünstigen Moment, als das Paar gemeinsam von Freiburg nach Berlin den Umzug in die gemeinsame Wohnung vollführen.
3 ZIMMER/KÜCHE/BAD gelingt derweil immer der Spagat zwischen Tragik und Komik, besticht durch seinen Cast und seine genialen Drehbucheinfälle, die aus der Feder von Brüggemann und seiner Schwester Anna stammen.


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14.12. Paul empfiehlt: 

SHIN SEIKI EVANGERION (IMDb)
(dt. „Neon Genesis Evangelion“, JP 1995, Regie: Hideaki Anno)

Um adäquat über die Bewegtbildkultur Japans sprechen zu können, wenden wir uns heute von den bisher vorgestellten Spielfilmen ab und werfen unseren Blick auf die florierende Trickfilmproduktion unserer fernöstlichen Freunde. Neben den allseits bekannten abendfüllenden Trickfilmen à la Studio Ghibli zeichnet sich diese im besonderen Maße durch ihren Hang zum seriellen Erzählen aus. Seit Jahrzehnten werden wir mit Animeserien im Übermaß beschenkt, von denen auch einige unser hießiges Jugendprogramm prägen und geprägt haben. Wir gehen nun zwanzig Jahre zurück, zu einem der ersten Animes, die ich je als solchen – fernab des erwähnten RTL2 Programmes – wahrgenommen habe und der meine Sehgewohnheit entsprechend stark beeinflusst hat. Zu jenem Zeitpunkt hatte ich noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Ich war erschlagen und überwältigt von dem, was mir mit NEON GENESIS EVANGELION geboten wurde. Was in einem zur damaligen Zeit äußerst populären Mecha-Anime Gewand präsentiert wurde, offenbarte bereits nach wenigen Minuten eine intensive Auseinandersetzung mit menschlichen Abgründen. Kein vorgestellter Charakter, der sich nicht mit irgendeiner Psychose auseinanderzusetzen hat, keine Einstellung, welche diese nicht eindrucksvoll, künstlerisch und empathisch einzufangen vermag. Kein Wunder, denn der Schöpfer der Serie Hideaki Anno verarbeitete auf diese Weise seine eigenen Depressionen in 26 Animefolgen. Und das in einer solch großartigen Form, dass dieser Anime an anderer Stelle nochmals ausführlichere Beachtung geschenkt werden soll. Für mich eines der großen Meisterwerke und einer der Klassiker japanischer Animationskunst.

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15.12. – Daniel empfiehlt:

 LA CASA MUDA (IMDb/Letterboxd)
(dt./engl.: „The Silent House”, ES 2010, Regie: Gustavo Hernández)

Weiter im Text mit unseren kurzweiligen Genre-Perlen aus spanischen Gefilden. Wieder verschlägt es uns dabei in ein altes, leerstehendes Landhaus, das dringend eine Renovierung benötigt. Auf die Bitte eines Bekannten hin, begeben sich Laura und ihr Vater aus genau diesem Grund auf das heruntergekommene Anwesen und beginnen sogleich mit der Arbeit. Der Haken an der Sache? Sie holen Erinnerungen hervor, die besser hätten begraben bleiben sollen.
Wieder mal ein Horrorfilm, der sich aus den immergleichen Versatzstücken zusammensetzt, alles bereits gesehen, alles bereits durchlebt über die heile Distanz des Spielfilms. Der taktische Winkelzug liegt jedoch im Detail, genauer gesagt in der Wahl der dramaturgischen Inszenierungsart. Denn wie bereits im Vorfeld seiner Veröffentlichung als “Real Horror in Real Time” beworben, handelt es sich bei LA CASA MUDA im Grunde genommen um eine 79 Minuten lange Plansequenz, die die Geschehnisse um Laura und ihren Vater einfangen. Wer sich nicht ablenken lässt und am Ball bleibt, bekommt dadurch eine der wohl dichtesten Atmosphären spendiert, die ich in der letzten Dekade im Horrorfilmgenre vernehmen konnte. Immer wieder bittet die Kamera Laura zum Tanz, sodass sie die junge Spanierin im einen Moment noch aus sicherer Distanz über die Schulter verfolgt, im nächsten jedoch als erstes ins dunkle Nichts der Räumlichkeiten eintaucht und den Zuschauer dem Unheil, das sich darin verbirgt, überlässt. Natürlich kann auch bei diesem Machwerk an einigen fast gänzlich schwarzen Stellen mit dem Schnitt gemogelt worden sein, das Resultat ist dennoch mehr als faszinierend.

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16.12. – Niels empfiehlt:

FESTEN (IMDb/Letterboxd)
(dt. „Das Fest“, DK/SE 1998, Regie: Thomas Vinterberg)

Zwischen den dänischen Oscar-Gewinnern der späten 1980er und dem dritten Sieg 2011 darf man natürlich die Dogma-Strömung nicht vergessen, die sich Ende der 1990er Jahre von Dänemark aus verbreitete und das Weltkino aufmischte. Die Unterzeichner des Dogma 95-Manifests wollten den Film zu dessen 100. Geburtstag einer radikalen Erneuerung unterziehen, wie es auch schon etwa die Nouvelle Vague versucht hatte. Dazu wurde ein strenger Regelkatalog aufgestellt: Dogma-Filme spielen etwa ausschließlich im Hier und Jetzt, müssen nur mit Handkameras gedreht werden mit natürlichem Licht und an Originalschauplätzen. Musik und Geräusche müssen direkt am Set aufgenommen und dürfen wie auch das Bildmaterial nicht nachbearbeitet werden.
Auf diese Weise entstanden extrem natürliche und eigenständige Filme, die von so renommierten Filmemachern wie Lars von Trier (IDIOTERNE – “Idioten”), Lone Scherfig (ITALIENSK FOR BEGYNDERE – “Italienisch für Anfänger”) oder Susanne Bier (ELSKER DIG FOR EVIGT – “Open Hearts – Für immer und ewig”) stammen. Vorstellen möchte ich allerdings den allerersten Dogma-Film FESTEN (“Das Fest”) von Thomas Vinterberg, Regisseur von JAGTEN (“Die Jagd”). In FESTEN feiert der Patriarch Helge seinen 60. Geburtstag mit allerlei Verwandten. Doch die ausgelassene Feier wandelt sich schnell zur Abrechnung mit der Vergangenheit und innerhalb der Familie tun sich tiefe Gräben auf. Denn Sohn Christian (Ulrich Thomsen) berichtet in seiner Rede davon, als Kind mit seinen Geschwistern regelmäßig vom Vater vergewaltigt worden zu sein.
FESTEN ist tragisch, hart, bitterböse und doch fast versöhnlich. Ein wichtiger Film!

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17.12. – Michi empfiehlt:

THE PERKS OF BEING A WALLFLOWER (IMDb/Letterboxd)
(dt. „Vielleicht lieber morgen“, USA 2012, Regie: Stephen Chbosky)

“And in this moment, I swear, we were infinite…”
Der doch ziemliche käsige Trailer ist überhaupt nicht imstande die herzerwärmende, facettenreiche und liebevoll gestaltete Erzählung des Lebens von Charlie vernünfitg wieder zu geben. Lasst euch also bitte sagen, dass PERKS ein wunderbarer Film für jeden (jaha, auch für Männer! Meine CineCouchler stehen drauf) ist, für den es aberwitzig viele Gründe zur Sichtung gibt: Hervorragende Buchvorlage, talentierter Regisseur, genialer Soundtrack, Bilder, die einen immer wieder in den Bann ziehen, Logan Lerman ist perfekt gecastet, genauso, wie meine beiden hervorzuhebenden Nebendarsteller!
In PERKS tritt Emma Watson (Sam) zum zweiten Mal in den Kinos nicht mehr als Hermione auf und kann durchaus überzeugen, wenn man als Zuschauer erst mal alte Gewohnheiten abgelegt hat. Zusammen mit dem genialen Ezra Miller (Patrick) legt sie eine Performance ab, die das Gesamktwerk des Films erst perfekt macht. So viele Szenen in diesem Film werden mir lange, lange im Gedächtnis bleiben, am intensivsten natürlich die kleine Rocky-Horror-Show-Einlage!
Zugegeben, ich falle exakt in die Zielgruppe des Films und kann mich sowieso kaum einer gelungenen Coming-Of-Age-Geschichte entziehen. Aber PERKS ist so viel mehr als nur Durchschnitt und verdient es gesehen zu werden! Immer und immer wieder! Weil er jedes Mal Spaß macht, tief berührt und zum Nachdenken anregt.

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18.12. – Jan empfiehlt:

DER SAMURAI (IMDb/Letterboxd)
(D 2014, Regie: Till Kleinert)

Nein, Paul und ich haben nicht die Reihenfolge geändert. Tatsächlich bleiben wir mit dem Film DER SAMURAI in Deutschland. Der japanisch anmutende Titel mag täuschen, aber es handelt sich tatsächlich um einen Samurai, der ein brandenburgisches Dorf terrorisiert. Nur ein junger Polizist kann sich dem Eindringling entgegenstellen. Doch fürchtet er sich vor dem Gegner ebenso, wie er von ihm und seiner rohen Natur fasziniert ist.
Gut, der Samurai wirkt etwas befremdlich, handelt es sich doch um einen Blondschopf, der nur mit einem ausgedienten weißen Kleid bedeckt erst Vorgärten zerstört und nach Gartenzwergen auch noch den ein oder anderen Menschen verstümmelt.
Till Kleinert, ein junger Regisseur, haut mit seinem Horror/Psycho-Thriller mal ordentlich auf den Putz und bittet – wie er selbst seinen Film ankündigt – zum Tanz. Mit energetisch pulsierender Musik zieht uns DER SAMURAI als Zuschauer in diese so bekannte Welt eines typischen Orts in Deutschland ein und stellt mit seinem titelgebenden Antagonisten, großartig verkörpert von Pit Bukowski, die geordnete Welt gehörig auf den Kopf (und schlägt ihn danach ab).
Sicherlich hat der Abschlussfilm mit einigen kleineren Fehlern zu kämpfen, die er aber gekonnt kaschiert. Für den deutschen Genre-Film, der in diesem Jahr auch in einigen Podcastepisoden der CineCouch bei euch ein Gehör gefunden hat, ist DER SAMURAI jedenfalls eine sehr gelungene und willkommene Bereicherung.

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19.12. – Paul empfiehlt:

RASHÔMON (IMDb/Letterboxd)
(JP 1950, Regie: Akira Kurosawa)

Eigentlich kann man keine Betrachtung der nationalen Kinematographie Japans anstellen ohne Akira Kurosawa zu erwähnen. Schließlich ist er DAS Aushängeschild des Landes. Vermeintlich. Denn zu seinen Lebzeiten sah sich Akira Kurosawa stets vehementer Kritik ausgesetzt. So wurden seine Werke als zu amerikanisiert verurteilt. Und tatsächlich hat jeder von uns, ich meine wirklich jeder, schon einmal einen Kurosawa Film gesehen ohne es zu merken. Mit THE MAGNIFICENT SEVEN und A BUGS LIFE wurde der Film SHICHININ NO SAMURAI (dt.: “Die sieben Samurai”) in unsere Hemisphären gehieft. A FISTFUL OF DOLLARS bediente sich ausgiebig an YOJIMBO und Kurosawas KAKUSHI-TORIDE NO SAN-AKUNIN (dt.: “Die verborgene Festung”) lieferte gar den Stoff aus dem George Lucas sein STAR WARS Universum formte. Der internationale Einfluss des Japaners ist nicht von der Hand zu weisen. Während er auch viele neuzeitliche Filme drehte, sind vor allem seine Historienwerke in aller Munde. So auch RASHÔMON der im altertümlichen Japan angesiedelt ist. Kurosawas Stammprotagonist Toshirô Mifune mimt den berüchtigten Räuber Tajômaru, der sich in die Frau eines Samurais verliebt. Daraufhin tötet Tajômaru diesen, um die Frau in seinen Besitz zu nehmen. Die volle Qualität des – vor allem von westlichen Kritiken gefeierten – Filmes entfaltet sich in seiner Erzählweise. Denn während das erwähnte Verbrechen im Zentrum steht, wird der Tathergang nur in geschilderter Form überliefert. Der Zuschauer bekommt vier gänzlich unterschiedliche Perspektiven zu sehen. Am Ende bleibt die Frage, wo sich in diesen unglaubwürdigen vier Schilderungen die noch verbliebene Wahrheit befindet.

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20.12. – Daniel empfiehlt:

MAR ADENTRO (IMDb/Letterboxd)
(dt.: „Das Meer in mir”, ES 2004, Regie: Alejandro Amenábar)

Nach dem Skurrilitätenkabinett der letzten Wochen begeben wir uns nun in seichtere Gewässer – in zu seichte für Ramón Sampedro. Das Meer fasziniert ihn, spendet ihm Trost, ist seine Inspirationsquelle. Doch wie so oft im Leben geben sich Licht und Schatten die Klinke in die Hand. Denn als Ramón vor rund 27 Jahren den Sprung ins kalte Nass wagte, unterschätzte er die Nähe zum sandigen Grund – seitdem ist er querschnittsgelähmt, sein Körper für ihn gestorben. Alles, was ihm bleibt sind sein Kopf, der Mund, seine Augen, und die Gedanken, mit denen es ihn immer wieder zum Spiel mit den Wellen treibt. Doch seine Fantasie ist für ihn nur Fluchtwelt, ein erzwungener Eskapismus, der ihm hilft, das Leben zu meistern, denn gibt es nichts, was er sich mehr wünscht, als seinem eigenen Leben ein würdevolles Ende zu setzen. Dafür kämpft er seit fast 30 Jahren. MAR ADENTRO erfasst dabei den Balanceakt zwischen Lebensfreude und Todeswunsch in poetischen Bildern und verhandelt, ohne plakativ zu werden, die Vor- und Nachteile einer Sterbehilfe, das Recht über sein eigenes Leben bestimmen zu können. Getragen wird diese Performance wohl von der besten Schauspielleistung, die ich jemals von Javier Bardem bestaunen durfte. Gewarnt seien jedoch all jene, die sich in der besinnlichen Weihnachtszeit lieber von Frohsinn und Spaß bezaubern lassen möchten. Wer trotzdem den Blick über den Plätzchenteller wagen möchte, wird belohnt mit einem Meisterwerk, das hinter all seiner Ernsthaftigkeit im Grunde doch eine Liebeserkärung an das Leben ist.

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21.12. – Niels empfiehlt:

I KINA SPISER DE HUNDE (IMDb/Letterboxd)
(dt. „In China Essen Sie Hunde“, DK 1999, Regie: Lasse Spang Olsen)

Für tiefschwarzen Humor ist Dänemark im Allgemeinen bekannt und HÆVNEN-Autor Anders Thomas Jensen ausgewiesener Spezialist. Immerhin drehte er die großartigen Komödien BLINKENDE LYGTER, DE GRØNNE SLAGTERE und ADAMS ÆBLER, den wohl bekanntesten Film. Vorstellen möchte ich allerdings meinen Einstieg ins Genre, den von Jensen erdachten “In China essen sie Hunde”. Der erzählt vom Bankangestellten Arvid, der zum Helden wider Willen wird, als er einen Bankräuber niederschlägt. Kurz darauf steht dessen Freundin vor der Tür: Sie hätten bloß Geld für eine künstliche Befruchtung gebraucht. Der schuldbewusste Arvid will seinen vermeintlichen Fehler wieder begradigen und nimmt Kontakt zu seinem psychopathischen und kriminellen Bruder Harald auf, um seinerseits Geld für die künstliche Befruchtung zu stehlen.
Von da an wird der Film immer wahnsinniger. Ständig scheitern die kriminellen Pläne und diverse Personen segnen das Zeitliche, was in völlig absurden aber trockenen Dialogen gipfelt. Arvid verliert dabei allerdings nie seinen Optimismus und den Willen, das richtige zu tun. Denn darum geht es schließlich: In China ist es ja auch nicht verwerflich, Hunde zu essen. Trotz aller boshafter Absurdität noch eine solche Botschaft zu präsentieren – das macht nicht jeder.
“In China essen sie Hunde” sorgt in schöner Regelmäßigkeit für ein breites Grinsen in meinem Gesicht. Bei der Erstsichtung musste ich das Finale sogar doppelt schauen: Beim ersten Mal hatte ich das wegen eines Lachkrampfs inkl. Tränen in den Augen komplett verpasst. Leuten mit tiefschwarzen Humor sei der Film wärmstens empfohlen!

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22.12. – Jan empfiehlt:

BUSCHOW (IMDb/Letterboxd)
(D 2014, Regie: Rosa Friedrich

Nur noch wenige Tage bis zum Fest der Liebe. Was passt dazu also besser als ein Liebesfilm? Nun, nur ist BUSCHOW nicht wirklich ein Liebesfilm. Dabei handelt er von einem Paar, das vielleicht aber auch gar keins ist. Er und Sie unterhalten sich jedenfalls gerne und oft über Beziehungen, viel zu selten über ihre eigene – und das könnte den beiden oder zumindest einem der beiden zum Verhängnis werden. Noch immer fällt es mir schwer, die Handlung des Films in Worte zu fassen. Das mag daran liegen, dass BUSCHOW ein unkonventionell erzählter Film ist, sich zwar an Vorbilder wie Cassavetes oder auch Thomas Vinterbergs FESTEN immer mal wieder entlanghangelt, dies aber durch Tanz, Performance und Theater ganz eigen zusammenbringt.
BUSCHOW ist irgendwie anders – und das hat mir von Anfang an am Film gefallen. Er vermittelt auf eine ganz besondere Art ein spezielles Gefühl, dass man im Winter noch gut gebrauchen kann: ein Gefühl von Sommer. Mit seinen warmen Farben, seiner unbändigen Spiellust und der beiden wunderbaren Schauspieler Sophia Becker und Wolfram Schorlemmer hat Regie-Debütantin Rosa Friedrich einen meiner Lieblingsfilme 2014 kreiert.
Leider war der Film bisher nur in Mainz auf dem FILMZ öffentlich zu sehen. Und ob dem Film eine weitere Auswertung hierzulande vergönnt sein wird, kann ich nur hoffen. Dieses filmische Kleinod hat sich in mein Herz geschlichen und von dort wärmt es mich noch immer, wenn ich an den Film denke. Sommergefühle unterm Tannenbaum, aber auch gerne zu jeder anderen Jahreszeit.

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23.12. – Paul empfiehlt:

STEINS;GATE (IMDb/Letterboxd)
(JP 2011, Regie: Hiroshi Hamazaki, Takuya Sato)

Zu guter Letzt möchte ich noch einen persönlichen kleinen Geheimtipp loswerden, auf den ich selber erst vor Kurzem gestoßen bin. Ich bin nun zugegeben nicht der eifrigste Anime-Konsumierer. Auf wiederholtes Drängen habe ich mir jedoch dieses Jahr den Anime STEINS;GATE angeschaut. Und Drängen, diese Serie zu schauen, möchte ich euch nun auch. Denn diese 25 teilige Science-Fiction Serie aus dem Jahr 2011 serviert eine solch intelligente und durchdachte Zeitreisethematik, wie man sie nur allzu selten zu sehen bekommt. Wir verfolgen den Protagonisten, verrückten Wissenschaftler und fanatischen Verschwörungstheoretiker Rintarou Okabe bei seiner Forschungsarbeit. Gemeinsam mit zwei Freunden hat dieser ein kleines privates Labor mit dem er den Machenschaften einer von ihm imaginierten Geheimgesellschaft auf den Grund gehen will. Bald beginnen jedoch paranormale Ereignisse rund um das Erscheinen der jungen Frau Makise Kurisu damit, die Realität aus ihren Fugen zu heben. Während die Serie in ihren ersten beiden Episoden einen stimmungsvollen Einstieg verspricht, gerät die Dramaturgie daraufhin etwas ins stocken. Hat man jedoch bis Folge 13 durchgehalten, so wird man mit einem extrem spannenden und ausgeklügelten Finale belohnt. Die Idee des Animes basiert dabei auf realen Vorkommnissen, als jemand vor einigen Jahren unter dem Synonym John Titor in diversen Foren für Aufsehen sorgte. Er behauptete aus der Zukunft zu stammen und gab einige Informationen preis, die seines Wissens nach in in einigen Jahren geschehen sollten. Viele seiner geäußerten Theorien wurden aufgegriffen und mit kreativen Eigenideen zu einem stimmungsvollen Gesamtbild geformt, welches mitreißend, absurd und lustig zugleich ist. Und damit entlasse ich euch in die Kinematographie Japans.

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24.12. – Daniel empfiehlt:

BIUTIFUL (IMDb/Letterboxd)
(ES 2010, Regie: Alejandro González Iñárritu)

Da sind wir doch tatäschlich schon am Ende unserer Länderreise angekommen. Im Umkehrschluss heißt das für mich, dass es mir nur noch verbleibt euch allen frohe Weihnachten und besinnliche Feiertage mit euren Liebsten zu wünschen, Feliz Navidad! Doch bevor ich euch in eure Familien entlasse, damit ihr euch (hoffentlich!) heute Abend alle kugelrund futtern könnt, gibt es noch einen letzten Filmtipp meinerseits. Und dabei handelt es sich keinesfalls etwa um PANS LABYRINTH – warum aussprechen, was schon jeder weiß? Dafür habe ich mir zum wiederholten Male ein Kunstwerk herausgesucht, das es zum einen vermag, eine ernste Geschichte in poetischen Bildern zu verpacken, zum anderen ebenjene Geschichte wieder auf die Schultern eines grandiosen Javier Bardems stellt. Bardem, mit dem lautmalerischen Namen Uxbal, verkörpert in BIUTIFUL vielerlei Facetten in einer Person: hingebungsvoller Vater, verzweifelter Liebhaber aber auch Kleinganove und vor allem Wanderer zwischen den Welten. Er selbst kommt nur schwerlich mit dem Leben klar. Immer wieder scheint er unter der drückenden Last zusammen zu brechen. Wenn da nicht die unbändige Liebe zu seinen Kindern Ana und Mateo wäre, die ihn am Leben hält. So ist er auf der Suche nach Versöhnung mit seiner Frau und seinen Kindern, doch zuallererst muss er mit sich selbst ins Reine kommen.

“Manchmal ist das Schicksal wie ein Sandsturm, der unablässig die Richtung ändert. Du änderst deine Richtung, aber der Sandsturm verfolgt dich.

Du selbst bist der Sturm, etwas in dir. Also bleibt dir nichts anderes übrig als dich dem Sturm zu stellen.”

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