Horror (neu) erleben

Gedanken über OPEN WINDOWS und UNFRIENDED

CineCouch Essay Jan

Es scheint selten, aber doch immer mal wieder bewegt sich etwas im Kino. Insbesondere im Bereich des publikumswirksamen Mainstream, Produktionen der Major-Studios Hollywoods sind Innovationen ja eher Mangelware. Zugegeben, der nachfolgende Text wird auf Entwicklungen eingehen, die nicht aus dem Mainstream heraus geschaffen und experimentiert, sondern wie so häufig adaptiert werden. Dennoch scheint mir ein Blick auf eine visuelle und ästhetische Innovation der vergangenen Jahre als äußerst interessant und wirksam. Eine Richtung, die Film einschlägt und aus dem Kino zu entfliehen vermag.


Folgender Trailer hat diese Überlegungen ausgelöst:

UNFRIENDED befindet sich laut Bezeichnung der IMDb derzeit in der Phase der Postproduktion. Dieser erste Blick auf den Film kann folglich unter anderem als Test der Rezeptionswirkung gesehen werden oder dient womöglich nur als Teaser. Zur Handlung muss kaum ein Wort verschwendet werden, denn tatsächlich ist sie vollkommen nebensächlich. Wer den Trailer gesehen hat, dem wird die besondere Ästhetik des Films aufgefallen sein, die nach aus dem Computerbereich und Internetseiten bekannten Oberflächen gestaltet ist: Programmfenster, Multitasking, Bild-im-Bild, digitale Clippingfehler, Glitches, Bild- und Tonstörungen prägen den Stil des Trailers. Wie und ob diese visuelle Aufbereitung im fertigen Film umgesetzt wird, ist mangels Insiderinfos (oder Studio-Server-Hacks) unbekannt. Der Stil jedoch wirft einige Fragen und gleichzeitig Antworten auf, die für den Horrorfilm der heutigen Zeit paradigmatisch und sehr gegenwärtig wie möglicherweise wegweisend erscheinen. Hierzu nun einige Gedanken.

Ich bin in einem Computer

Schon im vergangenen Jahr erschien ein Trailer zu einem interessant aufbereiteten Horror/Psycho-Thriller namens OPEN WINDOWS. Elijah Wood sitzt darin vor seinem Laptop und beobachtet durch einen Online-Videochat Sasha Grey, die durch einen Hacker zu stetig gefährlicheren und erniedrigenderen Taten gezwungen wird. Wood – offenbar in die Rolle des Zuschauers versetzt – muss das Schauspiel ansehen. Ob dies tatenlos geschieht, darf bezweifelt werden. Der Film lief bislang nur auf Genre-Festivals in Deutschland und wird in Kürze in einer Heimkinovariante erscheinen. Für den Kinobesucher, wenn man den Kritiken Glauben schenken darf, ist dies kein Verlust, sind sie doch mäßig bis schlecht in ihrer Bewertung.

Was beide Filme eint, sind ihre offenkundigen stilistischen Mittel in der Kameraführung. Für den internetaffinen Menschen (womöglich für einen großen Teil der Internetnutzer) ist die Webcam ein stetiger Begleiter. Gehört die Linse über dem Laptopdisplay doch schon seit geraumer Zeit zum Standard. Bist du womöglich einer der Menschen, die die Webcam abkleben? Ein Großteil der Notebook-Nutzer (so ziemlich jede Person also, die ich kenne) tut das. Der Grund ist einfach: Die (durchaus) berechtigte Angst davor, dass die eigene Webcam gehackt wird und man damit zum Objekt der Beobachtung eines Fremden wird, ist allgegenwärtig. Das verhilft OPEN WINDOWS zu einer perfiden, wenngleich sehr simplen Ausgangssituation. Die Angst des Zuschauers wird “Realität”, die Technik wird gnadenlos ausgenutzt und gegen den Nutzer gewandt. Vor allem aber kennt das Publikum die Situation, kann sich leicht in das Thema hineinversetzen. Man muss nicht verstehen, wie solch ein Hack funktioniert. Aber das Wissen um die Möglichkeit macht das Geschehen zu einem durchaus akuten Präzedenzfall. Was wäre wenn. Das ist immer interessant. Vor allem, wenn das Geschehen so lebensnah erscheint.

Wo ist Platz für solche Filme?

Da stellt sich diese Frage, ob das Kino noch der richtige Ort ist, um solche Produktionen an den Zuschauer zu bringen? Dazu muss wohl zuerst geklärt werden, wofür das Kino als Stätte überhaupt steht. Als Dispositiv, was in der vereinfachten und heute gängigen Form des Rahmens eines Rezeptionsraumes von Filmen bezeichnet, hat das Kino folgende Eigenschaften: Auf eine große Leinwand wird von einem nicht im Raum sichtbaren Apparat ein fortlaufendes Bild projiziert, durch den dunklen Saal liegt die Aufmerksamkeit des räumlich statisch positionierten Publikums voll auf dem Geschehen auf der Leinwand.  “Ihm [dem Kino, Anm. d. V.] wurden verschiedene Wirkungen zugeschrieben wie der traumähnliche, semi-regressive Zustand der Filmrezipienten und der daraus resultierende verstärkte Realitätseindruck” (Lexikon der Filmbegriffe). Realität spielt im Bezug auf Film seit jeher eine immens entscheidende Rolle. Ganz aktuell durch Diskussionen um HFR, also der erhöhten Bildrate wie es bei der HOBBIT-Trilogie zum Einsatz kam:: “I started shooting The Hobbit films in HFR because I wanted film audiences to experience just how remarkably immersive [sic!] the theatrical cinema experience can be”, erklärte Peter Jackson in einem Interview zu seiner Entscheidung, in HFR 3D zu drehen.

Wer sich erinnert, ich behaupte, dass sich die Wahl des stilistischen Mittels, Programmfenster aus Windows-Oberflächen ebenso wie Bilder von Webcams zu nutzen, Realitätsnähe zum Ziel setzt. Nur kennt der Zuschauer diese Interfaces eben nicht aus dem Kino, nicht aus der Natur. Es wirkt künstlich, was es auch ist und es nicht verheimlicht. Vielleicht ist der Kinosaal also nicht mehr dafür geschaffen, solche Filme zu präsentieren: “Neue Wahrnehmungsdispositive wie Laptop und Smartphone diversifizieren die Bedingungen der Filmwahrnehmungen weiter” (Lexikon der Filmbegriffe).

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All eyes on… the big screen

Horror als privates Erlebnis

Ich liebe das Kino. Es hat eine magische Atmosphäre. Ich liebe Filme, die Kinos und ihre Wirkung nutzen – diese Filme passen an diesen Ort. Anders als Filme wie OPEN WINDOWS oder eben UNFRIENDED. Diese Filme suchen sich ein Sujet, das sich stark an einer bekannten Wahrnehmung orientiert. Der Versuch, eine virtuelle Erfahrung am Computer-Desktop abzubilden, ist auf der Leinwand zum Scheitern verurteilt, da sich das Dispositiv in den Grundfesten vom gewählten Sujet unterscheidet. Es baut sich eine Barriere auf, Illusion und Immersion versagen.

OPEN WINDOWS und UNFRIENDED bilden eine neue, auf die heutige Zeit sehr präzise angepasste Möglichkeit der Rezeption, die sich diversifiziert. Wo werden Filme heutzutage gesehen? Ins Kino geht jeder deutsche 1,3 Mal im Jahr – das ist ein Bruchteil dessen, was an filmischen Auswüchsen rezipiert wird. Fernsehen, Heimkino und nicht zuletzt Video-on-Demand erweitern den Radius von Filmwahrnehmungen enorm. Filme auf dem Laptop, Tablet und gar Smartphone zu schauen, das ist nicht mehr Zukunft, das ist keine Dystopie, das ist schlicht und ergreifend gegenwärtig. Und die beiden Filme schlagen genau in diese Kerbe. Sie nutzen die auf solchen Endgeräten vertraute visuelle Anknüpfungspunkte und setzen sie für ihre Zwecke ein: die Filme gehören auf den Laptop. Und hier beginnt natürlich die Spekulation: Alleine dem Thema und den Trailern nach zu urteilen, sprechen OPEN WINDOWS und UNFRIENDED kein Publikum an, das sich in einem Kinosaal versammelt. Sie können aller Voraussicht nach am besten auf Einzelpersonen wirken. Nur mal als Anregung sei dieses Internet-Gimmick empfohlen, das seinen ganz eigenen Horror entfaltet (idealerweise alleine in einem dunklen Raum mit Kopfhörern genießen). Die angesprochenen Ängste in beiden Filmen geben die Möglichkeit Horror anders wahrzunehmen. In einer Situation, die sich dem Geschehen angleicht. Es ist eine neues Erleben. Zumindest kann es das werden. Und das wäre wahrlich ein neuer Impuls für Film und Kino.


Ich für meinen Teil, freue mich auf beide Filme. Sie stellen aus meiner Sicht ein Experiment dar, zu dem ich mich als Versuchsperson bereitwillig anbiete. Dabei interessiert mich nicht in erster Linie, ob die Filme inhaltlich vollkommene Werke sind, die Art und Weise, in welcher Situation sie rezipiert werden und was für (neue) Möglichkeiten sich so ergeben, steht im Fokus meines Interesses. Ich sehe diesen Text als Anregung zur Diskussion. Die Gedanken sind nicht final, sie entwickeln sich, stricken sich weiter.

Nun bin ich gespannt: Philosophiere ich hier sinnlos herum? Sollten Filme nicht eigentlich nur und ausschließlich für das Erleben im Kino produziert werden? Habt ihr bereits Filme dieser Art gesehen? Ich bin auf andere Meinungen gespannt.

2 Gedanken zu „Horror (neu) erleben

  1. Ich erinnere mich an meine Kino-Erfahrung mit “The Blair Witch Project”. Der schaute sich zu Hause nie mehr so intensiv wie im Kino. Würde ich Deine Logik der Internet-Wahrnehmung auf das des wackeligen selbstgedrehten Filmes übertragen, wäre Blair Witch aufgrund seiner Optik jedoch gar nicht fürs Kino geeignet gewesen, da man sich damals (bevor jeder Dritte einen Videobeamer besaß) Selbstgedrehtes auf dem heimischen Fernseher angeschaut hat. Da Blair Witch im KIno jedoch trotzdem so genial funktioniert hat, glaube ich nicht dass der Ort wo wir eine Seherfahrung kennengelernt haben, Einfluss darauf hat, ob sie nicht auch im Kino funktionieren kann. Ich denke mal wer wo Filme am besten erlebt hängt tatsächlich vom Zuschauer selbst ab. Ich habe z.B. keine Freude daran Filme am Computer zu sehen. Ist mir zu ungemütlich. Und Heimkino ziehe ich dem großen Kinosaal ebenso vor. Aber das hat mit einer inneren Einstellung, dem Wohlbefinden und vielleicht auch der Routine/der Tradition zu tun und meiner Meinung nicht damit ob ich eine gewisse Sehgewohnheit oder technische Eigenart von woanders her kenne.

    • An THE BLAIR WITCH PROJECT musste ich unweigerlich bei dem Text auch denken – da muss ich aber auch eingestehen, dass ich den Film damals noch nicht wahrgenommen habe (dafür war ich ein zu behütetes Kind).
      Meine Überlegungen sind sicherlich nicht auf jeden einzelnen Zuschauer übertragbar, das möchte ich mir auch niemals anmaßen: Was ich tatsächlich überhaupt nicht in Betracht gezogen habe, ist das persönliche Sehempfinden des Zuschauers. Ich für meinen Teil liebe Kino und gehe gerne mehrfach in der Woche, auf jeden Fall mehrfach im Monat in neue Filme, um sie auf der großen Leinwand zu sehen. Selten gucke ich unterwegs Filme auf dem Notebook und bin kein Fan davon.

      Bei den beiden genannten Filmen werde ich jedenfalls den Selbsttest bei mir durchführen, vielleicht gibt es dann ja noch einen Erfahrungsbericht dazu. – Doof ist natürlich, dass man keinen Test durchführen kann, einen Film zum ersten Mal in einer bestimmten Situation zu schauen. Am Ende zählt eben auch und vor allem, ob der Film gelungen ist. Denn ein richtig guter Film funktioniert unabhängig des Spielortes.

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