CineCouch – Folge 106: Victoria

Folge 106

Hallo zusammen!

Teils mit Spannung in der heutigen Runde erwartet, stürzten sich Jan, Michi und Niels in ein in dieser Form einmaliges Kinoerlebnis. Ausgerechnet ein deutscher Film wagt ein waschechtes Experiment. Regisseur Sebastian Schipper schickt eine Gruppe von fünf jungen Schauspielern in einer Nacht durch Berlin und lässt Kameramann Sturla Brandth Grøvlen dabei die ganze Zeit mitlaufen. Das Ergebnis ein 140 Minuten langer One-Take. (Take this, Birdman!)
Aber ob dieses Element reines Gimmick oder perfekte Verschmelzung von Form und Inhalt bedeutet, ob der Film uns durch die Laufzeit gequält oder begeistert hat – das erfahrt ihr in der neuen Folge. Übrigens eine Stunde lang Spoilerfrei! Wer den Film also noch nicht gesehen haben sollte, bekommt von uns schon mal eine begründete Meinung, ob der Kinobesuch lohnt.

Viel Spaß!

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0:00:50 – Besprechung VICTORIA
1:04:20 – SPOILER-Warnung
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Mehr über Longtakes und Plansequenzen hört ihr in Folge 50

VICTORIA in der IMDb
VICTORIA auf Letterboxd

12 Gedanken zu „CineCouch – Folge 106: Victoria

  1. Ein wirklich sehr schöner Film! Richtig gut.

    PS: Aber mit Birdman kann er nicht mithalten. Wenn dann ist das der Film des Jahrzehnts.

      • VICTORIA verspeist den überladenen, sich selbst dauerhaft für die eigene Genialität auf die Schulter klopfenden BIRDMAN im Späti nach dem Feiern zum Frühstück – zur Not mit Waffengewalt!

  2. So sehr ich mich auf eure Besprechung von Viktoria gefreut habe, so sehr war ich im Nachhinein davon enttäuscht. Tatsächlich musste ich mich zurückhalten nicht vor Wut in meinen Smartphone zu beißen. Eins vorab: Ich bin definitiv in Jans Lager – Viktoria ist ein Meilenstein, ein echter Meisterwerk des deutschen, wenn nicht des globalen Kinos – und das liegt nicht nur an der Form und dem One-Shot, sondern der Wirkung und den Momenten die durch diesen erzielt werden. Gleichzeitig ist mir vollkommen bewusst, dass Meinungen auseinanderdriften, Geschmäcker verschieden sind. Aber ich finde bei der Bewertung und Besprechung des Films habt ihr (und ich spreche jetzt einfach vom Kollektiv, wobei sich meine Kritik in erste Linie an Nils und Michi wendet), keinen guten, weil total subjektiv eingefärbten, kritischen Job gemacht. Ich bin der Meinung, dass bei der Bewertung eines Film wie Viktoria, der gleichzeitig ein nie dagewesenes Experiment wagt, die Form immer mitgedacht werden muss und objektiv verarbeitet werden – ob das Experiment dann für den Beobachter aufgeht, steht indes selbstredend auf einem anderen Blatt. Aber dass ihr bei Viktoria, der so stark wie kein Film zuvor seine eigene Unmittelbarkeit ins Zentrum rückt und zwei Stunden direktes Leben auf die Leinwand bringt, tatsächlich die vermeintlich schwache Charakterzeichnung und die dünnen Dialoge kritisiert und anmerkt, dass es zu wenige “Poster-Shots” gibt), konnte ich kaum glauben. Dass ihr bei dieser Bewertung dann auch komplett die Tatsache ausspart, dass die Dialoge (und natürlich auch die Kameraarbeit) zu großen Teilen improvisiert waren (und eben wie echte Dialoge und ein echter Beobachtungsblick funktionieren) und Nils den entscheidenden Charaktermoment (Viktoria am Klavier) ignoriert, hat dem ganzen echt die Krone aufgesetzt. Viktoria will leben, ungefiltert. Sie hat sich in ihrer Kindheit die Finger blutig gespielt – und ist doch gescheitert. Sie kennt keine echte Freundschaft. Sie lebt sein 3 Monaten ohne sozialen Kontakt in Berlin. Darum ist sie von Sonne und seinen Kumpanen angezogen und fasziniert. Darum lässt sie jeden Notausgang links liegen. Und natürlich sind Sonne und Boxer und die anderen nur bedingt Sympathieträger. Im Normalfall macht man um solche Dudes einen großen Bogen – aber sie sind eben auch authentisch, in ihrer Sprache, ihrem Gebären, ihrem Umgang untereinander – das ist doch eine der großen Stärken des Films. Und meine Frage wäre: Würdet ihr gerne mit Killern wie Vincent Vega oder dem namenlosen Drive-Driver abhängen? Nein? Ja? Es spielt keine Rolle – weil sie Comicfiguren und Posterboys sind. Das Figurenkabinett in Viktoria ist das Gegenteil davon. Sie sind nicht cool, das sind Versager. Sie zitieren keine Bibelverse, sondern sprechen in gebrochenen Englisch. Die machen einen Fehler nach dem anderen – knacken Autos auf offener Straße etc. – aber sie bekommen auch die Quittung dafür. Ich denke ich deutschen Jugendknasts sitzen unzählige Typen, denen eine solche Nacht zum Verhängnis wurde. Und dann wird doch tatsächlich die Handlung eines fiktiven Films mit Polizeistatistiken abgeglichen und gleichzeitig das Prädikat Thriller in Frage gestellt, weil zu Beginn des Films vermeintlich zu wenig passiert? Echt jetzt? Oder der Handlungsantrieb des Gangsterboss angeprangert, der durch sein Druckausüben auf einen Versager und seine Kumpels die Chance auf leicht verdiente 10000 Kröten hat – low risk, high reward! Unter diesen Gesichtspunkten funktioniert kein einziger Gangsterfilm der Geschichte. Keiner. Sorry, aber eure Kritikpunkte sind für mich absolut unausgegoren und sind zu 100% von subjektiven Gefühlsmomenten getrieben, ohne den Film wirklich als Film zu bewerten. Dadurch kam leider auch keine fruchtbare Diskussion zustande und das ist schlussendlich das, was ich so schade fand. Besonders schade, weil wir alle, die wir uns mit Kino beschäftigen, das deutsche Kino für seine Mut- und Einfallslosigkeit kritisieren. Und jetzt kommt so Trip, so ein Tornado daher und verpufft in einer Diskussion um Polizeistatistik und Logiklöcher. Tatsächlich verstehe ich vollkommen, wenn dieser Film für einen Zuschauer nicht aufgeht – eure anfängliche Diskussion über Oneshots und deren Notwendigkeit fand ich spannend. Und auch die Dialoge muss man nicht mögen – aber man muss sie reflektieren.

    • Schade, dass dir die Episode trotz der Vorfreude nicht gefallen hat. Ich versuche an dieser Stelle mal, auf deine Kritik einzugehen.

      Wie du vermutlich weißt, bemühen wir uns, Filme analytisch zu besprechen, verhehlen dabei auch nie unsere eigene Meinung. Vollkommen objektiv über Kunst und Kultur zu sprechen, halte ich grundsätzlich für unmöglich. Wichtig ist natürlich, beides zu trennen. Ich dachte, wir hätten das auch im Podcast getan: VICTORIA besitzt unbestrittene Stärken und ist der wohl ambitionierteste deutsche Film seit Jahren. Gleichzeitig halte ich das (halb improvisierte) Drehbuch auch im objektiven Sinne für eher durchschnittlich, weshalb der Film bei mir persönlich dann auch nicht so gezündet hat. Das wollte ich so herausstellen, ohne dabei die Qualität von VICTORIA im Allgemeinen zu verleugnen.

      Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass einige Dinge, die du äußerst ebenfalls extrem subjektiv gefärbt sind und du einige Dinge außer Acht lässt. Die Dialoge sind beispielsweise in den Proben improvisiert worden, genau wie die Kamerabewegungen. In immer weiteren Proben und Testdrehs verfestigen sich diese. Im Endeffekt ergibt sich dadurch im Film durchaus ein loser Gesprächsablauf, der zwar sicherlich immer wieder leicht variiert wurde, aber eine gewisse Struktur aufweist. Die Klavierszene ist ja genau so ein Ziel des Weges, den VICTORIA beschreitet. Und ich verstehe ehrlich gesagt den Vowurf nicht, ich würde die Szene ignorieren. Ich nehme sie natürlich wahr, nur eben als sehr dünn. Im schlimmsten Falle wirkt so etwas wie Küchenpsychologie nach dem Motto “er wurde in seiner Kindheit vernachlässigt und bringt jetzt Menschen um”, wie sie in vielen schlechten B-Filmen zu finden ist. So schlimm steht es um VICTORIA natürlich nicht. Wenn du das als tiefgründig und ausreichend empfindest, ist das auch absolut legitim. Aber man muss das schon auch kritisieren dürfen. Ich denke nicht, dass es hier eine objektiv richtige Lesart gibt.

      Generell hätte ich mir zumindest mehr dieser Momente gewünscht, aber meinetwegen ist das nicht der Plan des Films, sondern das Darstellen der “Unmittelbarkeit” und “zwei Stunden direktes Leben”, wie du schreibst. Da frage ich mich nur: Ist das jetzt tatsächlich direktes Leben? Ein junges Mädel geht mit vier unbekannten Verlierern eine Bank ausrauben und flieht als einzige Überlebende mit der Beute? Das ist für direktes Leben reichlich abgedroschen.
      Und der Gangster geht eben keine risikofreie Rechnung ein. Im Normalfall werden die vier Jugendlichen aufgrund der dilettantischen “Planung” direkt beim Raub gefasst und verpfeifen ihn. In einem fiktionalen Werk kann man über solche Dinge gewiss hinwegsehen. Aber über etwas hinwegsehen bedeutet eben auch, dass man etwas Unausgegorenes oder Fragwürdiges bewusst ignoriert. Gleichzeitig darf ich die authentischen Figuren weder mit Kino-Posterboys vergleichen noch mit Zuständen der realen Gesellschaft. Aber irgendwelche Bezugspunkte muss man doch setzen. Ich gebe zu, dass weder der stilisierte Hollywood-Chic noch ein dokumentarischer Stil VICTORIA gerecht wird. Doch als Film zwischen den Stühlen untergräbt er eben auch gewisse Erwartungen, die man als Zuschauer hegen könnte und wirkte auf mich persönlich teils widersprüchlich, weil er sich ein Stück weit aus beiden Lagern bedient. Auch hier gilt: Das ist ein subjektives Empfinden meinerseits, das ich meines Wissens aber auch so dargestellt habe. Ansonsten sei das hiermit nachgeholt.

      Was soll ich sagen: Ich freue mich, dass dir der Film genau wie Jan herausragend gefallen hat. Aber diese Wahrnehmung ist genau wie meine eigene höchst subjektiv. VICTORIA ist trotz allem auch für mich ein guter Film. Ich stelle mich gerne Kritik und hinterfrage die Gründe, die zu meinem persönlichen Urteil führen. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass meine Meinung objektiv wiederlegt werden kann, sondern am Ende letztlich zwei (oder mehr) Meinungen verbleiben.

  3. Hey Leute.

    Ich höre noch und bin gerade bei der Diskussion darum, ob es eine Plansequenz von 140Minuten sein musste. Ich sage es mal so: MÜSSEN gibt es natürlich im Film generell erstmal gar nicht, man HÄTTE den Film genauso gut mit den euch angesprochenen 5 Kamerateams oder in zig Sequenzen von nur 2 Sekunden drehen können. Man KANN alles machen und MUSS gar nichts. Aber wenn ich reflektiere welche Wirkung diese Machart auf mich hatte (und im Falle von VICTORIA muss ich sagen: wenn mein Herz und Bauch sich an die ERFAHRUNG erinnern), dann war es die beste Entscheidung die jemals im Film getroffen wurde. Die Kamera wird zum stillen Beobachter und ihr Blick wurde zu MEINEM Blick. Ich sah den Film nicht mehr, ich war mit Victoria, Sonne und co. auf den Straßen von Berlin unterwegs. Vollkommen und bis in die letzte Pore in die Filmwelt abgetaucht. Ich habe alle Ereignisse im Film mit ihnen erlebt – und das aufgrund der Machart des Films. Diese Spontanität und ungeplante Ungeschliffenheit wäre niemals in konventionell durchexerzierten, pro Szene 10-30 Mal gedrehten Shots entstanden. Wäre der Film konventionell gedreht, wäre eine Restdistanz geblieben, die die vorliegende Machart des Films gnadenlos nieder reißt. In meine persönliche Filmliebhaber-Historie wird VICTORIA als der Film der vollkommenen Immersion eingehen – ich war noch nie so drin und weiß nicht wann ich es nochmal so stark sein werde. Das klingt vielleicht pathetisch, aber dieser Film beeindruckt, bewegt und begeistert mich so sehr, dass ich den Tränen nah bin!

    • Weiter im Text, jetzt geht es um die Charaktere und die Nachvollziehbarkeit von Victoria. Ich habe ein wenig das Gefühl, dass Niels nicht wirklich bewusst ist, welche Tragweite eigentlich Victoria’s Scheitern in der Musikausbildung hat! Zitat “ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand seinen gesamten gesunden Manschenverstand ausschaltet, nur weil er zwei jahre vorher in der Musikschule ein Bisschen unglücklich war”. What? Die war nicht “ein Bisschen unglücklich” sondern ihr Leben ist vollkommen in sich zusammengefallen und NICHTS ist mehr übrig. Sie sagt, dass sie seit sie SECHS JAHRE alt war JEDEN Tag das Maximum an Übungszeit, was überhaupt gesundheitlich möglich ist Klavier gespielt hat, dass sie während andere Kinder lebten nur am Klavier saß um ihren Traum (oder vielleicht den ihrer Eltern?) zu erreichen und sich wie eine alte Frau ohne Freunde oder Leben gefühlt hat. Und dann sagt man ihr mit Anfang Zwanzig: “Du hast verdammt nochmal keine Chance!” Das ist doch das bitterste, was einem Menschen passieren kann. Du hast deine Kindheit UND Jugend verpasst und es hat dir NICHTS gebracht. Demnach hat dieses Mädchen zum Zeitpunkt des Films auch NICHTS mehr, für das es sich zu leben lohnt. Kein Antrieb, kein gar nichts. Sie ist nach Berlin gekommen, in der Hoffnung neu Fuß zu fassen, aber treibt ziellos durch die Nächte, gibt einen vollständigen Stundelohn für einen Shot Vodka aus und ist gefangen im Stillstand (trotz “Berlin statt Stillstand”-Plakaten vor ihrer Nase). Dass sie um vier oder halb fünf im Club abhaut, wenn sie um sieben arbeiten muss, zeigt mir eher, dass sie beschlossen hat nur noch auf dem absoluten Mindestmaß zu funktionieren, nicht dass sie verantwortungsbewusst ist.. Naja, ich höre mal weiter 😉

      • So und nun noch mal mein letzter Senf. Zu den Punkten am Ende (wieder Zitat Niels). “Ich glaube nicht dass mir das beim erneuten Schauen noch mehr geben könnte, oder dass die Figuren Tiefe kriegen und ich z.B. verstehe warum die nun unbedingt aufs Dach gehen müssen”. Wieder der Begriff des MÜSSENS. Natürlich müssen die nicht – es ist ihr persönlicher cooler Ort udn sie zeigen ihn Victoria – that’s it. Sie chillen einfach noch ein wenig, bevor sie ihr dubioses Date haben. Sie könnten auch tausend andere Sachen machen, aber genau diese vier Jungs treffen in genau dieser Nacht genau diese Entscheidung. Ich wüsste in dem Kontext auch ganz gern mal, wie du genau Tiefe definierst. Ist es umfassendes Wissen über den Charakter und Handlungs-Motivation der Figuren? Dann fehlt mir hier absolut nichts, ich verstehe bis ins letzte wie die Jungs ticken, wie ihre Beziehung untereinander ist, etc.
        Oder meinst du, dass Figuren Vielschichtigkeit bekommen. Falls ja, wird man die hier nicht finden, weil es nicht intendiert ist sie zu finden – VICTORIA will auch ein Stück Realität zeigen und Jungs von dem Schlag sind nicht umbedingt die komplexesten Geister.
        Ich glaube wenn amn den Film noch mal guckt, wird man genau das finden, was man beim ersten Mal gefunden hat – one girl, one night, one city, one take. So blöd es klingt, aber diese Promotion-Tagline beinhaltet alles was gesagt werden muss – der Film dokumentiert (ohne Frage auch auf dem Level eines runter versimpelten Genrefilm) eine Nacht in dieser Welt die aus dem Ruder läuft. Für mich passte da einfach alles, ich bin sprachlos, der Film ist wie kein zweiter und ich bin ziemlich stark bei Jan in Bezug auf den Film des Jahrzehnts, obwohl ich aus dem Bauch raus sogar so weit gehen würde, dass ich nicht nur die letzten 5 sondern ruhig die letzten 15 mit rein nehmen würde! Ich will mich vor allen Beteiligten einfach nur verneigen..

        • Erst einmal: Cool, dass dir der Film so gefallen hat. Ich bin da ja ganz auf deiner Seite.

          Ich sehe bei den kritischen Stimmen im Grunde immer zwei Ursachen für die Kritik:
          1. Das ist sehr spekulativ, aber ich bin mir doch sehr sicher dabei: Deutsche Filme werden generell kritisiert, wenn etwas in ihrem Plot nicht glaubwürdig erscheint. Hier eben dieser Gangsterboss/Überfall. Bei Hollywoodproduktionen sind genau diese Menschen viel häufiger bereit, Unglaubwürdigkeiten der Filmwelt zuzugestehen. Der Unterschied filmische und reale Welt wird dem deutschen Film selten so großzügig entgegengebracht.

          2. Nun spezifisch zu VICTORIA: Der One-Take wird fälschlicherweise als ein Mittel betrachtet, Realität wiedergeben zu wollen. Interessanterweise wird BIRDMAN dafür gelobt, dass sein (gefaketer) One-Take etwas küntlerisch-irreales an sich habe (ich finde ihn einfach prätentiös).
          VICTORIA will mit dem One-Take keine Realität darstellen, sondern ein Gefühl ausdrücken. Eine ungebändigte, sogartige Lebensfreude, die sich hier in einer Nacht ergibt. Und die kommt, meiner Meinung nach, vollends zum Ausdruck. Aber: Man muss diese Prämisse annehmen. Das kann und mag nicht jeder. Kann ich nicht ändern, aber respektieren.

          • Dein Punkt 1 ist mir auch schon aufgefallen. Ich denke es liegt häufig daran, dass natürlich aufgrund der Vertrautheit von Schauplätzen, generell dem “Look” der Städte, etc. ein deutscher Film vielen Zuschauern viel mehr wie “vor der Tür nebenan” gedreht vorkommt. Internationale Produktionen (bzw. der Hollywood Look, der leider auch die deutsche Filmrezeption fast vollständig diktiert) wirken fremder, exotischer (weil einfach nicht alltäglich im Look) und können so viel leichter als Schauplatz für Fiktion akzeptiert werden – der Grat zwischen Akzeptanz und Ablehnung ist geringer. Vielleicht entwickelt man hier ja nun endlich mal eine prägnante, vielseitige eigene Filmsprache, die sich etwas von der kargen, hyper-realen Berliner Schule, oder dem Anbiedern an US-Vorbilder (WHO AM I) abhebt.

            Zu 2: Ich würde sogar auch sagen, dass es um Realität geht, allerdings nicht im Sinne von Realismus (großer Unterschied), den findet man nämlich nur sehr bedingt, sondern im Sinne einer echten, realen Erfahrung (an dem Punkt kommen unsere Aussagen wieder zusammen), dem “im Film sein”. Dazu kommt, dass Schnitt auch immer (wenn auch meist unbemerkte) Unterbrechung bedeutet. In VICTORIA gibt es jedoch keine Unterbrechung, die Ereignisse kommen wie ein Stein ins Rollen und beginnen sich unaufhaltsam (und eben ununterbrochen) auf einen Endpunkt zu zu bewegen. Dieses ungebremste ist der Clou der Sache.

            Ach ist dieser Film toll!

            (Und was ganz anderes: Schustert doch mal euer CSS ein wenig um, die Kommentarspalte in der ich hier antworte ist wirklich schon ganz schön schmal :D)

  4. Ich habe den FIlm letzte Woche im Kino gesehen und konnte jetzt endlich eure Besprechung nachhören (wer nachlesen will, was ich zu meiner Filmerfahrung zu sagen habe, kann das hier tun). Deshalb meine kurzen Anmerkungen zu aufgeworfenen Fragen (und kurz auf “Birdman” bezug nehmend 😉 ).

    I. Musste der one take sein? Keine Ahnung, dazu müsste man den Film als Schnittversion ohne Kenntnis der one take-Version kennen. Ist glaub ich so’n büsch’n unmöglich. 🙂

    II. Hat der one take den Film unterstüzt? Für mich absolut. Ich wusste von der Geschichte kaum etwas und wusste allein um das technische Alleinstellungsmerkmal. Deshalb war meine Sorge groß, dass ich mich allein darauf konzentrieren und die Geschichte verstreichen lassen würde. Aber das Gegenteil war der Fall. Sofort nach dem Stroboskopanfang hatte ich vergessen, auf den nicht vorhandenen Schnitt zu achten und interessierte mich für Victoria und die weiteren Entwicklungen. Schon allein die ersten paar Minuten im Club haben mich derart in die Geschichte gezogen, dass ich die Technik völlig vergessen hatte, ehe zum ersten mal Sonne und die Gang auftauchten. Ich glaube nicht, dass das mit “herkömmlichem” Schnitt so oder jedenfalls so stark funktioniert hätte. Ich habe auch vollkommen die Zeit vergessen und bin quasi erst mit der Abblende wieder aufgewacht.
    Und im Bezug auf die Charaktere bringt der Nichtschnitt und die damit verbundene erzwungene Improvisation mit, dass man endlich mal glaubhafte “Ghettojungs” im Film erleben kann. Das Stammeln und Wiederholen hat sich einfach echt angefühlt und nur in ganz wenigen “Szenen” hatte ich das Gefühl, dass sich die Dialoge deswegen ziehen. Was bei Sonne & co. rausgekommen wäre, hätten sie ein Skript runterrattern müssen, konnte man schön an der Figur erkennen, die sie in der Tiefgarage treffen. Paradoxerweise hatte die wenig Text und damit die Chance, das auswendig lernen zu können und herausgekommen ist ein Charakter, der in seiner Art und durch seine Dialoge für mich furchtbar unecht gewirkt hat und regelrecht nervig war. Ich als Sebastian Schipper hätte diese Szene rausgeschnitten. 😉

    Interessanterweise hatte der one take in “Victoria” auf mich die genau entgegengesetzte Wirkung wie der “one take” in “Birdman”. Durch die realen zwei Stunden kam bei mir das anfängliche Gefühl von Freiheit und der typischen berliner Partynacht super rüber, in der es neben der Techno-Stroboskophektik gerade die ruhigen Momente auf der Straße sind, die so ein ganz besonderes Gefühl auslösen. Solange es noch nicht zur Sache geht, war ich super entspannt und habe so die Gefühlswelt von Victoria miterlebt, die endlich mal Anschluss gefunden hat und abgelenkt wurde von den ganzen Problemen ihres Lebens. Bei “Birdman” war die Zeitspanne gestaucht und fühlte sich durch die vermeintlich ruhelose Kamera noch intensiver an, was wiederum dem Stress und der Angst des Protagonisten zugespielt hat.

    III. Ist es wichtig, wie der one take technisch umgesetzt wird? Grundsätzlich ist mir das wurscht. Das ist vergleichbar mit der Frage nach CGI und handwerklichen Effekten. Solange es in die Geschichte passt und nicht als Technik auffällt, gibt es keinen Grund, eine Seite zu verteufeln. Nach der Sichtung von “Victoria” hatte ich aber allerhöchsten Respekt vor der Filmcrew, wo die da rumgeturnt ist, trotzdem nie im Bild war und die Kamera dennoch immer den richtigen Punkt gezeigt hat, das ist schon großartig. Aber das ist mir wie gesagt erst nach dem Film aufgefallen, während der Laufzeit habe ich daran keine Sekunde gedacht. Wieder ein Punkt dafür, dass die Technik hier völlig richtig eingesetzt wurde.

    IV. Die Charaktere. Ich fand es sogar mal richtig erfrischend, nicht die komplette Lebensgeschichte der Charaktere zu kennen. Das war auch wieder Teil der Glaubwürdigkeit, weil aus Sicht von Victoria da eben ein paar Jungs rumstrumpeln, die sie nicht kennt. Welche Person trifft man schon, die einem sofort den gesamten Lebensweg oder auch nur Schlüsselereignisse erzählt? Die zwei Ausnahmen in dieser Hinsicht haben die Geschichte für mich gut unterstützt.

    Also ein Fazit zum Film: der one take hat bei mir voll eingeschlagen und trotz ein paar winziger Glaubwürdigkeitsschnitzer in der Geschichte (der Charakter in der Tiefgarage und später die Szene mit Victoria und Sonne im Treppenhaus) war die Geschichte spannend und voller Atmosphäre.

    • Vielen Dank für deine “kurzen” Anmerkungen 😀

      Erstmal: Super, dass der Film immer noch immer im Kino läuft UND klasse, dass du diese Chance obendrein genutzt hast. Dass du vom Film zusätzlich noch fasziniert bist, setzt dem Ganzen das Sahnehäubchen auf.

      Interessante Bemerkung übrigens zu BIRDMAN. Wenn der Effekt tatsächlich angestrebt wurde, hat er für mich zwar nicht funktioniert, erklärt aber durchaus die Gedanken hinter dem (und dabei bleibe ich:) Gimmick.

      Bei VICTORIA ist der One-Take meiner Meinung nach essentiell. Sehe die Wirkung nämlich genauso wie du: Der Film lebt, pulsiert, treibt die Figuren und mich an. Es gibt trotz ruhiger Szenen keine wirkliche Atempause, was die zweite Hälfte umso intensiver gestaltet.

      Die “Glaubwürdigkeitsschnitzer” (wunderbares Wort by the way) sind mir so letztlich gar nicht im Gedächtnis geblieben, aber scheinen deinem Fazit ebenfalls keinen großen Abbruch zu tun.

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