Captain America: Civil War (2016)

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©Marvel 2016


IMDb / Letterboxd / dt. Kinostart: 28.04.2016 / USA 2016, R: Anthony Russo, Joe Russo


Das Marvel Cinematic Universe geht in seine dritte Phase und verspricht mit CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR eine Zäsur, die den Status Quo der Reihe gehörig auf den Kopf stellen soll. Die Frage, ob die Avenger in Zukunft politisch kontrolliert werden sollen, spaltet die Weltenretter. Aus Freunden werden Gegner. #TeamIronMan vs #TeamCaptainAmerica. Auf welcher Seite wird der Zuschauer am Ende stehen? Wer vermutet, dass die Antwort schon alleine durch den Titel des Films vorprogrammiert ist, täuscht sich.

Nach einem Einsatz der Avenger in Nigeria, bei dem es im Chaos des Geschehens zivile Opfer gibt, wächst in der Bevölkerung und der Politik der Unmut über die Helden. Die retten zwar ständig die Welt, die Orte ihrer Heldentaten hinterlassen sie jedoch in Schutt und Asche. Vor allem die zivilen Opfer, die nach Nigeria und den Geschehnissen in AVENGERS: AGE OF ULTRON zu beklagen waren, führt die Regierungen der Welt zu der Entscheidung, autonom agierende Superwesen nicht mehr zu dulden. Ein Vertrag wird entworfen, die die Avengers einer Kommission der UN unterordnen soll und Einsätze nur noch nach einem offiziellen Beschluss zugelassen werden. Wer dieser Vereinbarung nicht zustimmt, muss sein Cape entweder an den Nagel hängen oder wird als Krimineller angesehen und gejagt. Tony Stark (Robert Downey Jr.) unterstützt dieses Vorhaben; zum einen aus seinem Schuldgefühl, dass seine gute Absicht den Tod von Unschuldigen zur Folge hatte, zum anderen auch aus der pragmatischen Erkenntnis heraus, dass eine Regelung dieser Art unumgänglich ist und Widerstand dagegen großen Schaden anrichten würde. Steve Rodgers (Chris Evans) sieht den richtigen Weg in der Unabhängigkeit der Avenger und will sich nicht in den Dienst einer politischen Instanz stellen und zum Werkzeug einer Agenda werden. Bei der Unterzeichnung der Verträge wird ein Anschlag auf die versammelten Politiker verübt. Beschuldigt wird der nach den Ereignissen von CAPTAIN AMERICA: THE WINTER SOLDIER untergetauchte Bucky Barnes (Sebastian Stan). Rodgers glaubt an die Unschuld seines ehemals besten Freund, bricht auf, um ihm zu helfen und wird in den Augen der staatlichen Organe damit zum Abtrünnigen. Stark hingegen hat nun die Aufgabe, Steve aufzuhalten. Die Riege der Avenger wird in der Mitte gespalten und zieht gegeneinander in den titelgebenden Civil War.


©Marvel 2016

An dieser Stelle muss man jedoch das erste – und eines der wenigen – „Aber“ einschieben. Denn wer hier eine Konflikt im Ausmaß der Comicreihe mit demselben Namen erwartet, wird enttäuscht. Die Differenzen zwischen den Lagern nehmen hier nämlich nicht die Ausmaße eines Bürgerkriegs an. „Politischer Zwischenfall“ – um der Metapher treu zu bleiben – trifft es eher. Dieser Umstand ist aber völlig egal, denn CIVIL WAR schafft es trotz (oder gerade wegen) der Untreue zur Vorlage eine der besten Einträge in das MCU zu sein.
Zum zweiten Mal muss sich Captain America mit der Rolle des vermeintlichen Verräters anfreunden, nur dass es diesmal eben nicht Hydra ist, die ihn als solchen brandmarkt, sondern die US-Regierung. Hier findet seine Wandlung vom loyalen Vorzeigesoldaten zum geächteten Dissidenten den vorläufigen Höhepunkt. Auf der anderen Seite steht Iron Man, dem der Film eine ebenso hohe Aufmerksamkeit zukommen lässt. Die beinahe zweieinhalb Stunden Laufzeit werden bravourös genutzt, beide Parteien, ihre Ansichten und nicht zuletzt Zweifel nachvollziehbar zu präsentieren. In diesem Konflikt gibt es eben nicht die „Guten“ und die „Bösen“, sondern zwei Gruppen, die Gutes tun wollen, aber unterschiedliche Überzeugungen haben, wie sie dies am Besten erreichen können. Eine derartige Fallhöhe hat bisher noch kein Film aus dem Hause Marvel erreicht.

Auch wenn die bisherigen Ausführungen auf eine sehr dramatische Stimmung schließen lassen, besticht auch dieser Teil mit leichtfüßigem Humor. Das ist diesmal vor allem dem ungemein großen Anzahl an Superhelden-Nebenfiguren und ihrem Geplänkel zu verdanken. Besonders unterhaltend ist der heiß erwartete Auftritt des neuen Spider-Man (Tom Holland), der Freude auf sein im nächsten Jahr startendes Solo-Abenteuer macht. Chadwick Boseman ist in seiner Rolle als Black Panther zwar nicht für das Späßchen zwischendurch zuständig, macht jedoch dank seiner einnehmenden Präsenz neugierig auf den eigenen Film, der für 2018 angesetzt ist. Neben den Neuzugängen können aber auch die Veteranen begeistern, da ihnen das Drehbuch dankenswerterweise die jeweilige Individualität zuspricht und sie nicht zu eindimensionalen Mitgliedern von #TeamCap oder #TeamIronMan degradiert. Etwas enttäuschend wirken einzig Everett Ross (Martin Freeman), der blass und insgesamt uninteressant bleibt, und Helmut Zemo (Daniel Brühl), zwar de-facto-Antagonist des Films, dessen Handlungsbogen aber von der Avenger-Auseinandersetzung hoffnungslos überschattet wird.

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©Marvel 2016

Was CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR besonders hoch anzurechnen ist, ist nicht, dass er seine Actionsequenzen fast durchgängig ganz großartig inszeniert (vor allem die Auseinandersetzung der Avenger am Flughafen) oder wie gekonnt er die unerhört vielen Figuren jongliert, sondern dass er dem Zuschauer zutraut, sich selber zu entscheiden, welche Seite des Avenger-Konflikts die richtige ist. Die Balance zwischen individueller Freiheit und staatlicher Kontrolle war schon in THE WINTER SOLDIER zentrales Motiv. Doch dort war eine dieser beiden Seiten untrennbar mit Hydra verbunden und somit (hoffentlich) für niemanden eine valide Option. CIVIL WAR geht dieses Thema neutraler an. Wir haben die jeweiligen Vertreter in sieben Filmen und den Kontext der Welt, in der sie sich befinden, in vier weiteren kennengelernt und das Drehbuch achtet darauf, keine der beiden Positionen als unumstößlich falsch oder richtig darzustellen. So darf man nach dem Kinobesuch eine Weile darüber grübeln und diskutieren, ob vor dem CIVIL WAR nicht auch IRON MAN oder AVENGERS hätte stehen können.

Ein Gastbeitrag von Ulf Peschel


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