Interiors (1978)

CineCouch Kritik Jan

Er ist ein Dauerbrenner, ein Phänomen und für viele wohl noch immer einer der neurotischsten, verschrobensten und genialsten Regisseure und Drehbuchautoren unserer Zeit. Die Rede ist natürlich von Woody Allen. Passionierter Fan des “Big Apple”, ein Intellektueller durch und durch, ein Mann mit viel Humor. So kennt man den kleinen Mann mit der großen Brille. Und dementsprechend überrascht ist man von seinem Film INTERIORS (dt. “Innenleben”), wenn man ihn ohne Vorwarnung sieht.

1977, also ein Jahr vor INTERIORS, kam ANNIE HALL, zu Deutsch “Der Stadtneurotiker”, in die Kinos. Woody Allen trat als Regisseur, Autor und Protagonist auf, schwadronierte über Kunst, das europäische Kino, insbesondere über Ingmar Bergmann und verliebte sich unsterblich in Annie, gespielt von seiner damaligen Lebensgefährtin Diane Keaton. ANNIE HALL gestaltet sich noch ähnlich wie viele darauf folgende Filme vom jüdischen Intellektuellen: Die Drehbücher verlaufen auf der Grenze zwischen Satire und Zynismus, nehmen sich der hohen Kultur an, den Künstlern und der Kunst im Allgemeinen. Alle Charaktere sind verschroben, nicht selten von Neurosen heimgesucht. Das macht nicht nur den Charme der Figuren, sondern der ganzen Filme aus. Warum aber dieser Diskurs über Woody Allens Filme? Weil er notwendig erscheint, um die Wirkung von INTERIORS zu beschreiben.

Denn der ein Jahr später erschienene Film verläuft ganz anders. Er handelt von einer fünfköpfigen Familie. Vater Arthur trennt sich, wie er betont, übergangsweise von seiner Frau Eve. Doch hat er offenkundig nicht die Absicht, wieder zu seiner Gattin zurückzukehren. Alle scheinen dieses unausgesprochene Geheimnis zu kennen – nur Eve nicht, die an der Trennung zugrunde geht und damit eine Kettenreaktion in den Grundfesten der Familie auslöst. Denn das Verhältnis der Eltern wirkt sich ebenfalls auf die drei erwachsenen Töchter Renata (Diane Keaton), Joey und Flyn aus und mündet schließlich in einer tragischen Katastrophe.

Mit INTERIORS schafft Woody Allen einen Film, der vollkommen auf Humor, Witze und Satire verzichtet. Stattdessen entwickelt er ein Geflecht von dramatischen Beziehungen, das, umso mehr es sich für den Zuschauer zu entwirren scheint, eine traurige Wahrheit offenbart. Der Name des Films wird so zum leitmotivischen Programm, welches Allen in einer distanzierten und zurückgenommenen Inszenierung routiniert und beinahe schon erschreckend unkommentierten Form abspielt. Der Zuschauer darf und muss sich selbst um eine moralische Einordnung bemühen und merkt schnell, wie man an die Grenzen von “gutem” und “bösem” Handeln stößt.

Inszenatorisch wirkt der Film kühl und unnahbar. Die Figuren sind oft nur ein kleiner Teil des Bildes. Viele Totalen bestimmen die Szenerie. Oftmals verlassen die Charaktere die Kadrierung und lassen ihre Umgebung zurück. Der Großteil der Szenen spielt sich in Innenräumen ab, die sorgfältig ausgestattet sind, aber dennoch wenig Ausschluss über die Charaktere gibt. Sinnbildlich wird dies in den ersten Minuten, wenn Diane Keaton an einem Fenster steht und mit traurigem Blick die Außenwelt betrachtet, eine Hand am Fensterglas. Innen- und Außenwelt sind vollkommen voneinander getrennt. Genauso leer, wie viele Einstellungen gewählt werden, fühlen sich die Figuren.

Diese sind meist auf der Suche nach Inhalten, nach ihrer eigenen Identität, nach ihren Wünschen und Zielen. Eve, eine Innenarchitektin, verschließt sich vor der bitteren Wahrheit, von ihrer einzigen Liebe verlassen zu sein, und stürzt sich in den perfektionistischen Wahn ihrer früheren Arbeit. Die jüngste Tochter Flyn ist Schauspielerin, eine Oberfläche der Gefühle ausgedachter Figuren. Joey weiß nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll, will kreativ sein. Doch versteift sie sich so sehr auf diesen innigen Wunsch, dass sie sich selbst im Weg steht. Am Undurchschaubarsten von allen gibt Renata dem Zuschauer die meisten Rätsel auf.

Woody Allen überrascht mit seinem Konzept, das wie so viele Aspekte seiner Arbeit mit Hommagen an sein großes Idol Ingmar Bergmann besticht. Im Besonderen durch die distanzierte Analyse seiner Figuren, die sich in Innenräumen verschanzen, über sich selbst im Unklaren sind und deren Beziehungen zu anderen Personen gestört sind. Woody Allen spielt zum ersten Mal nicht in einem seiner Filme mit und man merkt unweigerlich, wie viel mehr Aufmerksamkeit er auf die Schauspielführung legt. Inhalt und Form des Films wirken wie aus einem Guss, wie auch die letzte Einstellung beweist. Eine filmgewordene Choreographie, die von vorne bis hinten durchdacht ist.

INTERIORS in der IMDb
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