Fünf Jahre Leben (2013)

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Auch wenn ich zugegebenermaßen nicht viel Ahnung vom Deutschen Kino habe, möchte ich hier einen kleinen Geheimtipp loswerden. Im Rahmen des Transmedialitäts-Seminars zeigte uns mein Dozent die Diplomarbeit Stefan Schallers, die Verfilmung der Autobiographie von Murat Kurnaz: FÜNF JAHRE LEBEN. Ohne das Buch gelesen zu haben oder auch nur annähernd die wahren Ereignisse zu kennen, konnte ich mich ganz auf den Film und das, was er erzählen und transportieren wollte, einlassen. Seid gewarnt: Meine Kritik beinhaltet alle wichtigen Details der Handlung.

Der Film erzählt die Geschichte Murat Kurnaz‘ (Sascha Alexander Gersak). Bei dem Versuch seinen Glauben zu finden und ein besserer Mensch zu werden, wird er festgenommen und nach Guantanamo verschleppt. Dort trifft er bald auf Gail Holford (Ben Miles), einen amerikanischen Verhörspezialisten, der in unzähligen Gesprächen versucht, Informationen und bestmöglich ein Geständnis aus Kurnaz herauszuquetschen. Doch egal welche gewieften Techniken er anwendet, Kurnaz weigert sich vehement Taten zu gestehen, die er nicht begangen hat. Dies bringt ihm nicht enden wollende physische und psychische Folter ein, die ihren Höhepunkt in einer einjährigen Isolationshaft findet, die selbst durch einen selbstzerstörerischen Hungerstreik nicht beendet wird.
Die Erzählung endet, wenn Holford seinen aussichtslosen Posten aufgibt und Kurnaz in Guantanamo sich seiner selbst überlässt. Im Abspann erfährt man, dass dieser nach fast fünf Jahren Haft entlassen wurde und nach Deutschland zurückkehrte, ohne dass je Beweise für die Anschuldigungen gegen ihn gefunden wurden.

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Auch wenn der Film klar Stellung zu Murat Kurnaz und seiner Version der Geschichte bezieht, wird dem Zuschauer dies erst nach der Sichtung wirklich bewusst. Denn dank des gestückelten Aufbaus der Geschichte bekommt man erst nach und nach Häppchen des Inhalts präsentiert, die sich langsam zu einem Ganzen zusammenfügen. Dabei ist die Sichtweise von Holford genauso wichtig wie die von Kurnaz. Diese ständig die Positionen wechselnde Erzählweise ist vor allen Dingen dann interessant, wenn man kaum etwas von den tatsächlichen Ereignissen weiß. Dem Zuschauer wird keine eine Wahrheit oder eine einheitliche Opfer- und Täterrolle präsentiert, wodurch einerseits Spannung und gleichzeitig Beklemmung erzeugt wird. Ist Kurnaz wirklich unschludig? Wie rechtfertigt Horford dann die Gewalt gegen ihn? Selbst wenn er Terroristen angehört, geht die Folter dann nicht trotzdem über ein gerechtfertigtes Maß hinaus? Und warum wird er nicht juristisch angeklagt?

Die Bilder unterstützen die allumfassende unangenehme Stimmung. Die Kamera bleibt immer nah an Kurnaz und ruft so eine gewisse Beengung hevor, die perfekt mit der tatsächlichen räumlichen Eingeschränkheit der Gefängnisstruktur korreliert. Dieser Effekt wird dadurch gesteigert, dass die Handlung an nur wenigen Schauplätzen innerhalb des Gefängnisses stattfindet. Man wechselt oft nur zwischen Zelle und Verhörraum hin und her, wodurch der Film vor allem in den Gesprächen mit Holford fast zum Kammerspiel wird. Einen kleinen inhaltlichen und bildlichen Kontrast dazu bilden  die Rückblicke nach Bremen über Kurnaz‘ Alltagsleben.

Diese bleiben eine Seltenheit im Film und sind zudem so kurz gehalten, dass der Zuschauer keine Chance bekommt, sich innerlich zu entspannen und Abstand von den verstörenden Szenen im Gefängnis zu gewinnen. Und genau da liegt die Stärke des Films. Ohne Sensationsgier, Spektakel und Übertreibungen zeichnet er ein schonungsloses Bild der Umstände in Guantanamo, die überzeugend real wirken. Zusätzlich wird der Zuschauer durch die genreuntypische Erzählweise, den autobiographischen Hintergrund und die fast ausnahmslos hervorragenden Schauspieler von der ersten Szene an emotional gepackt und fortan nicht mehr losgelassen. Die Hauptfigur leidet zu jeder Sekunde im Film und die Gefühle übertragen sich auf den Zuschauer, bis man kaum noch hinschauen möchte. Doch genau wie im wahren Leben wird einem keine Pause gegönnt. Die klassische Drei-Akt-Erzählweise wird gekonnt ignoriert und auch wenn der Zuschauer am Ende erfährt, dass Murat Kurnaz freigelassen worden ist und nun ein erfülltes Leben führen kann, hat man die Schwere des Films noch nicht vergessen und verarbeiten können. Man braucht den Abspann des Films, der kurze Videos aus Kurnaz‘ jetzigem Leben und TV-Auftritte von ihm zeigt, um langsam wieder ins Hier und Jetzt zurückzufinden.
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FÜNF JAHRE LEBEN zeigt anhand eines intimen Einzelschicksals den Fehler eines großen Systems auf und verurteilt dieses. Das wirkt zu keiner Zeit übertrieben oder unglaubwürdig, trotz des doch sehr drastisch, tragisch und brutal kreierten Bildes von Guantanamo, von dem ich nur spekulieren kann, inwiefern es der Wahrheit entspricht. Dies ist jedoch nebensächlich, schließlich präsentiert sich der Film deutlich als Spiel- und nicht als Dokumentarfilm. So gab es zum Beispiel die Person Holford gar nicht, sondern sie wurde aus den von Kurnaz beschriebenen Verhörspezialisten zusammengeschrieben. Ansonsten hielt man sich aber an die Schilderungen von Kurnaz und heuerte für die entsprechenden Szenen echte (teils sogar amerikanische) Soldaten an, um einen möglichst realen Effekt zu erreichen.

Letztendlich ist FÜNF JAHRE LEBEN für mich ein herausragender Film, der nahezu alles richtig macht und mich vor allen Dingen durch das geniale Drehbuch überzeugt hat. Durch sein Brechen mit den üblichen Konventionen des Gefängnisfilmgenres, die bis auf wenige Momente hervorragenden Schauspielleistungen und die schlaue Kameraführung ist der Film für mich ein absolutes Highlight geworden, das ich eigentlich jedem weiterempfehlen möchte. Aber wie empfiehlt man einen Film, der gnadenloses Unwohlsein in einem auslöst? Ich sag’s mal so: Will man einen brillanten Gefängnisfilm sehen, der einem gleichzeitig einen Schlag in die Magengrube verpasst, der sollte diesen Film keinesfalls verpassen!

PS: Der Film ist trotz seiner Herkunft größtenteils englischsprachig. Der Originalton ist der deutschen Synchronisation vorzuziehen, da diese in einigen mehrsprachigen Dialogen den Sinn entstellt.

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