The Lone Ranger (2013)

Niels

Kaum ein Genre wurde in seiner Geschichte so oft totgesagt wie der Western und tatsächlich wurde ihm seit Clint Eastwoods UNFORGIVEN von 1992 kein großer Beitrag mehr hinzugefügt.

In diesem Jahr schickte sich nun Gore Verbinski an, den Western zu reanimieren. Und die Vorzeichen standen gar nicht mal schlecht: Immerhin demonstrierte Verbinski sein Händchen für solch eine Aufgabe, indem er mit PIRATES OF THE CARIBBEAN den Piratenfilm entstaubte, zudem näherte er sich durch den animierten Kinderfilm RANGO bereits dem Western an. Doch THE LONE RANGER funktioniert nur unzureichend.  Der Film, der auf einer steinalten TV-Serie basiert, handelt vom Titelhelden John Reid und dem Indianer Tonto (Johnny Depp), die gemeinsam Jagd auf den Schwerverbrecher Butch Cavendish (in grandioser Maske: William Fichtner) machen. Reid wird nach und nach vom treuen Gesetzeshüter zum Outlaw, der moralisches Recht über die Justiz stellt, nachdem Cavendish seinen Bruder auf grausame Weise tötet.

Lone Ranger
© Walt Disney

Wie in PIRATES OF THE CARIBBEAN nähert sich Verbinski dem altbekannten Genre mit einer Mischung aus Action und Klamauk, der in manchen Teilen des Films auch aufgeht. Sein Film hat mit Western eher wenig zu tun, entleiht sich ähnlich wie Tarantinos DJANGO UNCHAINED nur das Setting. Die Bilder, die er für seine Geschichte findet, zeugen von einem Verständnis und Wissen um das Genre, erinnern immer wieder an diverse berühmte Vorbilder und fangen in bildgewaltigen Panorama-Einstellungen das typische Western-Flair ein. Abgesehen von den Bildern werden Zitate meist nicht humorvoll eingebettet, sollen stattdessen eine ähnliche Wirkung wie die Originale erzielen. Wie soll man aber den Angriff auf eine Ranch in Anlehnung an Sergio Leones C’ERA UNA VOLTA IL WEST (dt. „Spiel mir das Lied vom Tod“) noch besser als in diesem Klassiker inszenieren? Verbinski versucht es und scheitert, indem er den Zuschauer mit einer schwächeren Ausgabe der Vorbilder konfrontiert und dabei Selbstironie nur unzureichend an den Tag legt.

Ich gebe zu, dass dieser Kritikpunkt vielen Kinogängern das Seherlebnis nicht verderben wird. Die ständigen Probleme mit dem Tonfall des Films stören allerdings stark: Wenn auf der einen Seite Slapstick gefeiert wird und im nächsten Moment der Bösewicht die rohen Herzen aus seinen Opfern herausschneidet und frisst, dann wirkt das sehr unrund. Ärgerlich wird es gar, wenn der Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern kurz angerissen und von einer weiteren spaßigen Actionszene abgelöst wird. Das Drehbuch setzt klar auf Unterhaltung, will aber Anspruch nicht gänzlich missen lassen und setzt diesen Ansatz in den (Wüsten)Sand. Die paar ernsthaften Szenen besitzen keinerlei Aussagekraft für Charaktere oder Subtext und passen nicht zum Rest. Dazu trägt auch die überflüssige Rahmenhandlung um den alten Tonto als Zirkusattraktion ihren Teil bei. Johnny Depp spielt dabei größtenteils mal wieder seine altbewährte Comedy-Nummer, die nach zu vielen PIRATES OF THE CARIBBEAN-Filmen nur noch abgeschmackt daherkommt. Er und der fehlbesetzte Hauptdarsteller Armie Hammer, der den Film zu keiner Zeit schultern kann, harmonieren viel zu selten. Da erinnert man sich wehmütig an BUTCH CASSIDY & THE SUNDANCE KID. Man muss an dieser Stelle aber erneut auf das schwache Drehbuch hinweisen, das seinen Figuren kaum Tiefe und Zeit zur Entfaltung gibt und es in zweieinhalb Stunden zu keiner Zeit schafft, Interesse für die Geschichte aufkommen zu lassen. Sein einziger Zweck scheint die Aneinanderreihung von Action und Slapstick zu sein und das sind zugegebenermaßen die Elemente, die in THE LONE RANGER Spaß machen.

Reid und Tonto
© Walt Disney

Wenn zehnminütige Kämpfe in und auf fahrenden Zügen ausgefochten werden, dann kommt Charme und Spielfreude auf. Vorwerfen kann man THE LONE RANGER hier nur, dass er es übertreibt, sowohl in der Länge der Szenen als auch in der Musikwahl: Nach zehn Minuten ist es mit dem Radetzky-Marsch dann auch mal gut. Und irgendwie hat man das in der PIRATES OF THE CARIBBEAN-Reihe eben auch alles schon einmal gesehen.
Schlussendlich ist THE LONE RANGER also eine Enttäuschung. Eine Rettung des Genres war nicht Verbinskis Intention, doch auch als alleinstehende Action-Komödie überzeugt der Film nur in Momenten. Er nimmt sich zu viel vor, was er nicht halten kann. Auf 90 Minuten und um einigen unnötigen Ballast gekürzt, hätte der Film einen passablen Blockbuster abgeben können. Schade!

THE LONE RANGER in der IMDb
THE LONE RANGER auf Letterboxd

THE LONE RANGER auf Amazon bestellen (und uns unterstützen):

    
auf DVD                      auf Blu-ray

Trailer:

4 Gedanken zu „The Lone Ranger (2013)

  1. Das mit dem ständig wechselnden Tonfall – von Slapstick-Comedy zu krasser Gewalt – hat mich auch sehr gestört. Ich fand den gesamten Film einfach nicht rund. Es war „Fluch der Karibik“ nur mit Indianern… und da tut es mir ein bisschen um Johnny Depp Leid, der auch nur noch in solche komischen Rollen gesteckt wird.

    Auf genau dein Fazit bin ich am Ende dieses Films dann auch gekommen: Sauber runtergekürzt auf 90 Minuten hätte das echt ein guter Film werden können.

  2. Vielleicht sollte sich Gore Verbinski wieder auf seine Comedy-Stärken besinnen, oder sich zumindest an einem konsequenten, durch und durch ernsten Stoff versuchen. Für Johnny Depp empfinde ich irgendwo kein Mitleid, weil der sich seine Rollen mit Sicherheit selbst aussuchen kann. Ich gehe davon aus, dass ihn auch andere Regisseure als Verbinski und Burton mit Kusshand besetzen würden. Da fehlt es einfach an Eigeninitiative, sich mal wieder zu beweisen zu wollen.
    Immerhin lässt es ja für die Zukunft hoffen, dass sowohl bei Verbinski als auch bei Depp das Potenzial mehr als deutlich zum Vorschein kommt.

  3. „[…] tatsächlich wurde ihm seit Clint Eastwoods UNFORGIVEN von 1992 kein großer Beitrag mehr hinzugefügt.“

    Was ist denn bitte mit Cowboys & Aliens? Wenn man keine Ahnung hat, sollte man den Anschnaller mal ganz feste stecken lassen, mein Freund!

Mitdiskutieren